Einsamkeiten

Tatjana Gürbaca in Oslo und David Hermann in Zürich sind sich bei Verdis «Traviata» einig: Auf Alfredo ist kein Verlass

Opernwelt - Logo

Eine Festgesellschaft, zum tableau vivant erstarrt. Nur Violetta bewegt sich, aus dem Rahmen, aus der Zeit gefallen. Das Preludio gilt nur ihr: der Figur, der die Regie die Hauptlast der Gefühle zuschreibt.

So lässt Tatjana Gürbaca die Osloer «Traviata» beginnen. Und genauso wählt David Hermann in Zürich den Einstieg. Dieses bei zwei fast zeitgleich entstandenen Inszenierungen doch verblüffende Zusammentreffen ist Symptom einer viel grundlegenderen Einigkeit: Keiner der beiden Regisseure traut Alfredos Liebe über den Weg.

Deshalb muss Violetta am Ende ohne ihn auskommen – am Fjord wie an der Limmat.

Gürbaca hat es mit Violettas Isolation besonders weit getrieben. Bühnenbildner Henrik Ahr nimmt das idiomatische Parkett, auf dem sich die Kurtisane bewegt, wörtlich und macht ein Spielbrett daraus: In der Mitte der Bühne steht ein Podest, vertikal gespiegelt von einer weiteren, hängenden Fläche mit dem gleichen Holzrautenmuster. Im zweiten Akt verschwindet die Hinterwand, am Ende zerfällt das Podest in Einzelteile. Zug um Zug wird hier Violettas Fall durchgenommen: Erst verliert sie die gesellschaftliche Rückendeckung, dann den Boden unter den Füßen.

Diese übermächtige Gesellschaft ist ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Juni 2015
Rubrik: Im Focus, Seite 12
von Wiebke Roloff

Weitere Beiträge
Stürmen und schmachten

Früher genügte es, einige schöne Arien eines oder mehrerer Komponisten zu einem klingenden Bukett zusammenzustellen. Seit einigen Jahren hat sich die Idee des Konzept-Albums aber auch für Aufnahmen mit Musik aus dem 17. und 18. Jahrhundert durchgesetzt. Unter Countertenören etwa waren und sind Zusammenstellungen von Arien beliebt, die für bestimmte Kastraten...

Hinreissend verschroben

Fast immer wenn die Staatskapelle Berlin mit Daniel Barenboim auf Frühjahrstour geht, wird Barockes aufgeführt, mit befreundeten Musikern im Orchestergraben, oft spektakulär: René Jacobs und die Akademie für Alte Musik Berlin heben Raritäten des 17. oder 18. Jahrhunderts ans Licht. Wie eben Georg Philipp Telemanns 1973 in Magdeburg erstmals wiederaufgeführte Oper...

Kino, Kammerspiel, Klischees

In Dario Argentos Horror-Thriller «Opera» (Terror in der Oper, 1988) ist eine Aufführung von Verdis «Macbeth» Ausgangspunkt einer so blutrünstigen Handlung, dass der Film in Deutschland nur in einer gekürzten Fassung gezeigt werden durfte. Ein Vierteljahrhundert später, zum Verdi-Jubiläum, bekam der Altmeister des Genres im piemontesischen Novara Gelegenheit, mit...