Editorial August 2012
Alles läuft gleichzeitig. Drinnen fantasiert Wolfgang Rihm mit Nietzsche über Nietzsche; draußen animiert ein Shaolin-Mönch zum Tai Chi. Wenn das Publikum der Berliner «Dionysos»-Premiere aus dem Schiller Theater in die sommerschwüle Pause strömt, sind die Exerzitien auf dem Vorplatz bereits in vollem Gang. Jeder kann mitmachen. In der Schiller Werkstatt lassen sich unterdessen Sänger, Schauspieler und Artisten von John Cages «Songbooks» zu Improvisationen verführen.
Regisseurin Sandra Leupold hat ein selbstgemachtes Stockhausen-Brettspiel mitgebracht: Da kann man die Welt und den Kosmos retten – vorausgesetzt, die Würfel fallen günstig und man löst die aus den Schriften des LICHT-Gurus zitierten und auf Ereigniskarten gedruckten Aufgaben. Von der Galerie führt Carl Hegemann, der Hohepriester des postdramatischen Theaters, ein endloses Selbstgespräch auf vier Monitoren, das niemand versteht und niemand wirklich beachtet.
«Die Musik ist los», lautet das Motto des Programms, das die Berliner Staatsoper zum hundertsten Cage-Geburtstag ausrichtet. Im Zirkus der Zufallsoperationen und des Unvorhergesehen schlagen Ideen zum Musiktheater wilde Haken, wirken die Gedanken frecher und die ...
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Opernwelt August 2012
Rubrik: Editorial, Seite 1
von Stephan Mösch, Albrecht Thiemann
Meldungen
Das Markgräfliche Opernhaus in Bayreuth ist von der Unesco zum Weltkulturerbe erhoben worden. Der barocke Prachtbau, der zwischen 1746 und 1750 erbaut wurde, sei eines der wichtigsten architektonischen Zeugnisse der absolutistischen Gesellschaft im 18. Jahrhundert, begründete das Komitee aus 21 Mitgliedern seine Entscheidung am 30. Juni in St. Petersburg....
Die Sache lässt ihn einfach nicht los. Was tun mit Monteverdis perfide schillernder «Poppea»? Wie sollen wir es halten mit einem Stück von Shakespeare’schem Format, das nur skizzenhaft, in zwei unterschiedlichen Manuskripten (Venedig und Neapel) überliefert ist und vermutlich mindestens drei weitere Autoren (Cavalli, Ferrari, Sacrati) hat? Schon einmal, gegen Ende...
Vor dem Eingang zur Pariser Opéra Comique stehen sie seit 1898 Seite an Seite, in Stein gemeißelt, überlebensgroß: Carmen und Manon, jene beiden Frauen, die nach den Worten des legendären Impresarios Albert Carré «die zwei Meisterwerke dieses Hauses und der französischen Musik» repräsentieren.
Ist es Manons Schuld, wenn heute Carmen die Spielpläne dominiert? George...
