Echte Trouvaillen
Auch in der Ära Konrad Adenauers und Charles de Gaulles, als die deutsch-französische Aussöhnung auf der Tagesordnung ganz oben stand, wurden die künstlerischen Leistungen des Nachbarlandes, jedenfalls soweit es die Gesangskunst betraf, östlich des Rheins kaum wahrgenommen. Das hat sich inzwischen geändert. Auch dank des Institut National de l’Audiovisuel (INA), das seit 1992 die Rezeption mit Funk- und Fernsehdokumenten aus dieser Epoche belebt. Die Reihe «mémoire vive» hält viele Überraschungen bereit.
Etwa eine Fernsehproduktion von Puccinis «La Bohème» aus dem Jahr 1960. Gesungen wird in französischer Sprache, was dem Werk musikalisch keinen Abbruch tut und dramaturgisch einigermaßen triftig ist, da Regisseur und Ausstatter alles tun, um die Welt heraufzubeschwören, in der Henri Murgers Roman spielt. Das hat etwas rührend Nostalgisches, und die Patina verleiht der Inszenierung aus heutiger Sicht einen zusätzlichen Reiz. Die Kostüme sind adrett, die Bohemiens – schon reifere Semester, die nicht wie Hungerkünstler aussehen – wirken wie aus dem Ei gepellt, auch die Mansarde macht einen sauberen Eindruck. Besonderen historischen Wert gewinnt der Film durch die Mitwirkung von Alain ...
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Opernwelt Mai 2016
Rubrik: Hören, Sehen, Lesen, Seite 35
von Ekkehard Pluta
Als der Jazzpianist Keith Jarrett Ende der 1980er-Jahre Bach aufzunehmen begann, zeugte sein Spiel von einer Haltung unbedingter Reverenz. Wie einem heiligen Monument schien er sich dem «Wohltemperierten Klavier» oder den «Goldberg-Variationen» zu nähern. Mit der dem Augenblick abgerungenen Freiheit, die Jarrett in seinen Soloimprovisationen zelebrierte, hatte das...
Einst riet Richard Wagner dem nach Bayreuth gereisten Friedrich Nietzsche, er solle die Augen schließen und die Musik nur hören. Zu gern wäre man dieser Empfehlung bei der Hamburger Premiere von Rossinis «Guillaume Tell» gefolgt. Denn gegenüber der angestrengt um Gegenwartsbezüge bemühten szenischen Einrichtung von Roger Vontobel (seine erste Opernregie) und...
Die Schnittstellen zwischen Mensch und Maschine waren für das Musiktheater schon immer von allerhöchstem Interesse. Offenbachs genarrte Liebe des Dichters Hoffmann zur Puppe Olympia wäre zu nennen, auch d’Alberts «Golem»-Oper. In jüngerer Zeit weitete Steve Reich das Thema der Optimierung kreatürlicher Wesen mit «Three Tales» über das Klonschaf Dolly auf das...
