Die Tortur des Kreises
Wo bleiben die Gehilfen? Wir warten. Und warten. Und warten. Einen ganzen Abend lang. Wie Wladimir und Estragon. Aber K.s Lakaien aus dem Schloss-Roman lassen sich so wenig blicken wie Becketts Godot. Sven Holm und seine Musiktheaterperformancetruppe Novoflot haben die beiden Clownsknechte auf ihre «Winterreise» nach Franz Kafka nicht mitgenommen. Und damit einen Zünder aus der Hand gegeben, mit dem das jüngste Novoflot-Projekt vielleicht wie eine Marthaler-Murx-Rakete hochgegangen wäre. So aber hoffte man vergeblich auf ein bisschen Slapstick der Vergeblichkeit.
Stattdessen rotierte im Haus der Berliner Festspiele bloß die mit Publikum beschwerte Drehbühne – um eine mit Zeitgeist-Zutaten gewürzte Mischung aus Kinderlaienspiel, Knabenchorvorstellung, szenischem Liederabend, Live-Comics (am Laptop: Ulrich Scheel), Soloposaunenjazz (Nils Wogram) und spärlichen Avantgarde-Klanggesten (Aleksandra Gryka) einer fünfköpfigen Combo (das ensemble mosaik unter Leitung von Vicente Larrañaga).
«Ah, es wird lustig sein», versprechen zwei kleine Mädchen den eingangs auf groben Leinensäcken lagernden Zuschauern und tanzen Ringelreihen zum improvisierten Groove des Posaunisten. Ja, wenn es nur ...
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Opernwelt März 2013
Rubrik: Magazin, Seite 76
von Albrecht Thiemann
Wer sich als Komponist an den Lyriker Nietzsche wagt, begibt sich auf heikles Terrain. Meist machen die Verse selbst schon so viel Musik, dass kein Raum für Vertonungen zu bleiben scheint. Pascal Dusapin (Jahrgang 1955) hat es auf Bitten des Baritons Georg Nigl dennoch versucht – und gleich einen ganzen Nietzsche-Zyklus für Stimme und Klavier geschrieben, der 19...
Im Jahr 1940 richteten die Nationalsozialisten auf dem Gelände der Heilanstalt Am Steinhof eine «Kinderfachabteilung» unter der Flurbezeichnung «Spiegelgrund» ein. Ihre Aufgabe war, «lebensunwertes Leben» zu vernichten. Im April 2002 wurden in Wien die Überreste von 789 der ermordeten Kinder auf dem Zentralfriedhof bestattet. Ein später Akt der Rehabilitierung....
Mit den letzten 42 Takten seines 1829 uraufgeführten Schwanengesangs Guillaume Tell hat Rossini die Tür in ein neues Jahrhundert aufgestoßen. Schwebende Klangflächen über harmonisch labilen Dreiklangsbrechungen evozieren nicht nur den Sonnenaufgang der Freiheit, der auf die Nacht der Tyrannei folgt, sondern auch eine ungewisse Zukunft. Bis zum erlösenden C-Dur ist...
