Der andere Martinů

Martina Janková, Tomáš Král und Ivo Kahánek rehabilitieren den tschechischen Komponisten als wagemutigen Liedermeister

Opernwelt - Logo

Anstößig sei alles wahrhaft Produktive, schrieb Friedrich Nietzsche in seinen «Unzeitgemäßen Betrachtungen». Er bezog es auf einen «allgemein ansprechenden Ton» mancher Schriftsteller, dem eben dieses Anstößige fehle. Ob auch Bohuslav Martinů (1890-1959) etwas Unangepasstes meinte, als er angab, er habe seine «Lieder geschrieben, wenn er nicht komponierte»? Vielleicht ist’s ein gewagter Gedankensprung, doch mag er in der «internationalen» Sprache seiner Musik ein «allgemein Ansprechendes» gesehen haben, das er in den Liedern unterminieren wollte.


In seiner Autobiografie von 1945, in der er über sich in der dritten Person spricht wie über einen guten alten Freund, verkündet er jedenfalls, dass er sich von einer universellen Haltung verabschiedet habe, «um eng an das tschechische Volksempfinden heranzurücken». František Sušils Sammlung mährischer Volkslieder führte er auf Reisen stets mit sich, auf Texte daraus komponierte er die im vorliegenden Album enthaltenen «Písničky na jednu stránku» («Lieder auf einer Seite», 1943), «Písničky na dvě stránky» («Lieder auf zwei Seiten», 1944) sowie «Nový špalíček» (etwa als «Neues Geschichtenbüchlein» zu übersetzen, 1942). Es sind allesamt ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Juli 2019
Rubrik: CD des Monats, Seite 25
von Gerhard Persché

Weitere Beiträge
Syrische Tragödie

Der Nahe Osten kommt nicht zur Ruhe. Gerade ist der israelisch-palästinensische Konflikt wieder voll entflammt. Und von Frieden in Syrien kann nach wie vor keine Rede sein. Kaum eine Region ist seit jeher so permanent umkämpft worden. Eroberer, Invasoren, Herrscher, Systeme wechselten sich ab, stets regierten auswärtige Mächte mit und hinein, die sich in...

Unvergesslich

Vier Spielzeiten lang hat die Oper Bonn sich um den frühen Verdi bemüht. Jetzt rückt seine mittlere Schaffenszeit der 1850er-Jahre in den Fokus. Den Anfang machen «Les vêpres siciliennes», der zweite Anlauf des Komponisten, in Paris mit einer französischen Grand Opéra zu reüssieren. Musikalisch schließt man in Bonn keine Kompromisse und spielt den Fünfakter, der...

Dicke Tränen, süßer Duft

Nebel lastet auf Cornwall, tiefe Trübsal, auswegloser Schmerz. Schwer atmet die Musik, beinahe so, als wäre sie zu Eis erstarrt, als gäbe es kein Morgen mehr. Doch kein Orchester spiegelt, in den uns bekannten, chromatischen Seufzern, diese Tristesse, sondern ein Klavier. Und deswegen ist es eben auch nicht jener irische Küstenort, an dem, tödlich verwundet,...