Das große Dilemma

Seit Wochen hält die Debatte um die Zukunft der Bayreuther Festspiele Deutschland in Atem. Welche histo­­rischen und dynastischen Traditionen dieser Debatte zugrunde liegen und vor welchen (ästhetischen) Fragen Bayreuth steht, beleuchtet G. R. Koch.

Opernwelt - Logo

Fällt der Name Salzburg, so assoziiert fast jedermann die «Mozart-Stadt»; und ebenso selbstverständlich firmieren Bonn als «Beethoven-Stadt», Frankfurt als «Goethe-Stadt». Geburtsorte von Prominenten stiften lokale Identität, metaphysisch überhöht. Das Charisma des Genies adelt, ja heiligt die triviale Stätte, macht sie zur irdischen Station des Ewigen, gar zum Bethlehem der Kunstreligion. Leipzig wiederum wurde zur Stadt Bachs, weil dieser dort 27 Jahre als Thomaskantor wirkte; seinen Ruhm verdankt er freilich seinem Rang als Komponist, keineswegs seiner Funktion als Chordirigent.



Doch eigentlich könnte sich Leipzig genauso gut im Glanz der «Wagner-Stadt» sonnen. Denn ebendort wurde Richard Wagner 1813 geboren. Nur: Geliebt hat er seine Vaterstadt nicht, verbunden fühlte er sich ihr kaum. Gewiss, er hat sie sporadisch immer wieder einmal besucht; aber insgeheim war sie ihm wohl eher ein Feindbild. Dass er seine Helden sinnieren lässt, wer sie sind, woher sie kommen, von wem sie abstammen, ließe sich immerhin im Licht der Gerüchte über seine wie auch immer zweifelhafte Herkunft deuten: Gerade Revolutionäre und Usurpatoren tendieren nicht selten dazu, ihre bescheidenen bis dubiosen ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Juni 2008
Rubrik: Essay, Seite 26
von Gerhard R. Koch

Vergriffen
Weitere Beiträge
Der Rest ist Schweigen

«Nijinskys Tagebuch für zwei Sänger, zwei Schauspieler, zwei Tänzer und Instrumente» nennt Detlev Glanert seine Auftragskomposition für das Theater Aachen: ein kaum kaschierter Hinweis darauf, dass ihn das Schicksal des historischen Nijinsky weniger interessiert. Auch nicht seine herausragende Stellung innerhalb der Ballets Russes des Serge Diaghilew. Es ist...

Lauter Paraderollen

Die früh verstorbene amerikanische Mezzosopranistin Jean Madeira (1918-1972) war in ihrer Generation eine zentrale Protagonis­tin in Bizets «Carmen», die sie nach ihrem Rollendebüt an der Met (1956) über zweihundertmal in aller Welt gesungen hat. Dass ihr Nachruhm aber nicht mit dieser Rolle, sondern eher mit der Klytämnestra in der Strauss-Oper in Verbindung...

Gemischte Gefühle

Auch in der letzten Premiere vor seinem Wechsel nach Nürnberg ist Gelsenkirchens Intendant Peter Theiler mit Giacomo Meyerbeers «L’Africaine» wieder zu einer Erkundungsreise in die Welt des französischen 19. Jahrhunderts aufgebrochen. Kaum ein anderes Werk der Opernliteratur dürfte eine längere Entstehungsgeschichte gehabt haben als die 1837 unmittelbar nach den...