Chips in der Klosterzelle
Eigentlich ist diese Partitur eine komponierte Frechheit. Wenn Isabella, die weibliche Hauptfigur, sich aufregt («Allegro molto feroce»), dann soll sie innerhalb kürzester Zeit mehr als zwanzigmal das hohe a singen, dazu noch das hohe b und das hohe h – ohne dass die Stimme sich dazwischen entspannen könnte, ohne melodisch zwingende Phrasen. Nicht einmal ein Zwitscherstimmchen könnte das unbeschadet überstehen. Isabella aber soll dramatisch sein.
Eine Brünnhilde, die über die Agilität der Frau Fluth aus Nicolais «Lustigen Weibern von Windsor» verfügt und außerdem noch den lyrischen Schmelz der «Figaro»-Gräfin hat. Eine Killer-Partie. Den beiden Tenören des Stückes geht es nicht viel besser. Der eine soll stimmlich ein jugendlicher Held sein, aber zugleich Belcanto-Flexibilität mitbringen. Der andere wird permanent mit der Übergangslage gequält. Der junge Wagner hatte wirklich wenig Ahnung davon, wie man für Stimmen komponiert, als er sein «Liebesverbot» schrieb. Die Musik klingt melodiös wie ihre italienischen und französischen Vorbilder, aber das Idiom ist nur ungefähr getroffen. Mit den kurz vorher geschriebenen «Feen» hat es erstaunlich wenig zu tun. Wagner probierte sich aus – ...
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Opernwelt April 2016
Rubrik: Im Focus, Seite 6
von Stephan Mösch
Henry Purcells «Indian Queen» ist ein Fragment. Nicht, weil der Komponist diese Form kultivieren wollte, sondern weil er, ein Frühvollendeter wie Mozart, vor der Zeit starb. Auf jeden Fall trägt, was von diesem Stück erhalten blieb, keinen ganzen Abend, allenfalls fünfzig Minuten Musik sind überliefert. Also stutzten wir, als wir die Hülle dieses Mitschnitts aus...
Es gibt Partituren, die nach ihrer Uraufführung vergessen werden, im Strudel der Gezeiten untergehen und am Ende nurmehr eine Fußnote wert sind. Umso hellhöriger wird man, wenn im ausgehenden 17. Jahrhundert selbst Jahrzehnte nach einer Premiere noch über deren sensationellen Erfolg berichtet wird. Mag dies der Kompilationssucht der Zeitgenossen geschuldet sein,...
Liest man die Aufführungsstatistik des Deutschen Bühnenvereins – unter den 50 meistgespielten Opern ist keine einzige jüngeren Entstehungsdatums –, bestätigt sich die Binsenweisheit, dass es Zeitgenössisches im heutigen Musiktheater schwer hat. Tatsächlich aber machen viele Häuser durchaus ihre Hausaufgaben. Das gilt auch für die norddeutschen Bühnen. Ob Flensburg,...
