Chiaroscuro
Bis zur aktuellen Spielzeit hatte Plácido Domingo nur einen kurzen Blick auf das Repertoire des Barock geworfen: 1966 trat er in Boston an der Seite von Beverly Sills in einer Produktion von Rameaus «Hippolyte et Aricie» auf. Freilich hat er immer wieder betont, dass er sich mit der Musik dieser Epoche weiter beschäftigen wolle. Glucks Baritonpartie des Oreste gibt ihm nun dazu Gelegenheit. Zudem: Domingo gesteht, dass nichts ihm auf der Bühne mehr behagt als zu leiden. In dieser Hinsicht kann Oreste es durchaus mit Siegmund und Don Alvaro, zwei seiner Lieblingspartien, aufnehmen.
Erwartungsgemäß machte Domingo seine Sache nobel, er stattete die Figur mit mannhafter Leidenschaft und viel Düsternis aus. Sein Oreste wirkte, wie es die Rolle verlangt, zugleich imposant und zerrüttet, er formte die Accompagnato-Rezitative in markig-heroischer Manier, wenn auch ohne den sprachlichen Feinschnitt mancher Kollegen. Am Premierenabend sang Domingo mit schallendem Klang, mühelos und gefestigt in den tieferen Registern. Der schlanke, konturschärfere Klang von Paul Groves in der Rolle des Oreste-Gefährten Pylade führte in den Dialogen zu einem schönen Chiaroscuro – trotz einer überraschenden ...
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