Cecilia Bartoli auf neuen Pfaden
Maître Ponnelle hat’s vorgemacht. Er war der Weltmeister, ein global player im Vermarkten seiner Inszenierungsideen. Robert Carsen kann’s aber auch. Der kanadische Regisseur hatte Händels «Semele» 1996 für Aix-en-Provence konzipiert, die English National wie die Vlaamse Opera und Köln hingen koproduzierend dran. Jetzt folgte Zürich. Doch dort wurde ein ganz besonderer Trumpf aufgefahren. Er heißt Cecilia Bartoli. Sie zieht, Reprise hin oder her, mit ihrem Rollendebüt die internationale Aufmerksamkeit auf sich und ihr Lieblingshaus.
Obendrein singt sie zum ersten Mal auf Englisch. Und wie!
Bartoli gurrt und girrt, sie schmollt und mauert. Dies vor allem, wenn die thebanische Prinzessin ihren Galan Jupiter nicht nur in seiner menschlichen, sondern endlich auch in seiner eigentlichen göttlichen Gestalt erblicken will. Zu diesem tödlichen Begehren hat Juno dieses Biest von einer eifersüchtigen Gattin angestachelt. Semele verglüht. Allerdings haucht sie ihr Leben in bewegenden Accompagnato-Tönen aus, und Bartoli entfesselt alle ihre vokale Kunstfertigkeit. Wieder das lustvoll-kreatürliche Agieren, wieder der so gelöste wie intensive Tonfall ihres Singens, die («endless pleasure, ...
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Es sei ein Zeichen von geistesgeschichtlichem Instinkt, dass Kritiker zur Eitelkeit neigen, befand Joachim Kaiser im einleitenden Essay zu seinem «Kleinen Theatertagebuch» (1965). Denn dadurch verrieten sie, dass sie alle Sicherheiten des Urteils vorspielen müssten. Dies scheint sich vor allem dann zu bestätigen, wenn in ein und derselben Sache die Meinungen...
Wenn die Unterwelt ihre Furien ausspuckt, die Erde zittert und der Himmel grollt, dann hat die Musik ihren großen Auftritt. Sie erledigt solche Ereignisse in wenigen Takten, meist sogar in wenigen Sekunden. Doch solche Sekunden haben es in sich. Da sackt plötzlich jede metrische Ordnung weg, und die Streichinstrumente donnern wuchtig, als wollten sie den Schlägen...
