Beissend, bitter

Mussorgsky: Boris Godunow London / Royal Opera House

Opernwelt - Logo

An den Anfang seiner Inszenierung von «Boris Godunow» stellt Richard Jones ein Bild so licht und unschuldig wie aus einem Kinderbuch. Der Vorhang zeigt eine Kinderhand beim Griff nach einem Kreisel. Als dann im Saal die Lichter ausgehen, wird Miriam Buethers klaustrophobisches Bühnenbild enthüllt: Wände schwarz wie Reifengummi, mit der Zarenglocke als Relief.

Auf der ­zitronengelb gefliesten Galerie im oberen Bühnenbereich sieht man einen Schauspieler in weißem Kinderuniformrock und Knickerbockern, das Gesicht verborgen hinter einem riesigen Puppenkopf: Es ist der achtjährige Dmitri, der jüngere Sohn Iwans des Schrecklichen. Drei Mörder schleichen heran, schlitzen ihm die Kehle auf und schleifen die Leiche fort. Stille. Einer tritt an Godunow (Bryn Terfel) heran, flüstert ihm etwas zu. Erst jetzt heben Fagotte und tiefe Streicher unter Antonio Pappanos Dirigat zu ihrer ersten, langen Klage an, konzentriert, sorgsam artikulierend.

Auf den rechten Ton kommt alles an in der schmucklosen Originalfassung dieser Oper. Auf elektrisierende Weise eigenwillig kann Mussorgskys Instrumentierung von 1869 klingen; rau; fleischig aufgefüllt mit Bratschen, Celli, Bässen, tiefen Holzbläsern und ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Mai 2016
Rubrik: Panorama, Seite 51
von Anna Picard

Weitere Beiträge
Verheißung

Ab und an taucht inmitten der Figuren, die zur Handlung von Tschaikowskys «Iolanta» gehören, auch dieses zarte Mädchen im senffarbenen Kleid auf. Wer ist sie? Iolantas stumme Schwester, ihr anmutiges Alter Ego? Wir erfahren es bald genug: Als wir nämlich nach dem finalen Akkord des Einakters applaudieren wollen, winken die Darsteller ab – noch nicht! Schon weitet...

Bilderbogen

Die Trompete wimmert – zart, versehrt – im Nachhall des Schlagzeugs. Es klagt das Fagott. Erschöpfung liegt über der ersten Szene aus Volker David Kirchners neuer Oper «Gutenberg». Die Musik erinnert an die fahlen Stimmungen im Spätwerk von Dmitri Schostakowitsch, die Szene selbst – mit dem alten Johannes Gutenberg im Algesheimer Hof zu Mainz – ist ein Echo des...

Hunger nach Macht

Sie gilt als eine der machtgierigsten Frau­en des alten Rom: Iulia Agrippina, Tochter des Germanicus. Ein Skandal schon die Heirat mit ihrem Onkel, dem Kaiser Claudius, der die Ehe per Dekret legitimieren ließ. Um ihre Position am römischen Hof zu stärken, soll sie einige Male sogar Gift zur Hand genommen haben. Alle Mittel schienen ihr recht, um Nero, ihren Sohn...