Beiläufig errungen
Die griechische Urversion der Geschichte ist bekannt: Phädra liebt ihren Stiefsohn Hippolyt, der weist sie zurück, aus Rache bezichtigt sie ihn der Vergewaltigung, Hippolyt wird getötet, Phädra erhängt sich. In der römischen Überlieferung hat diese Tragödie des ungeordneten Triebs eine Fortsetzung: Die Göttin Artemis/Diana entrückt die zerstückelte Leiche ihres Lieblings Hippolyt nach Italien, flickt ihn wieder zusammen, macht ihn zu ihrem Priester; noch später mutiert er zu einer lokalen Waldgottheit.
Der Lyriker Christian Lehnert fasst in dieser Geschichte abermals den archetypischen Konflikt, der sich als Konstante durch die Geistesgeschichte zieht – als «Stofftrieb» und «Formtrieb» (Schiller), «Dionysos» und «Apoll» (Nietzsche), «Es» und «Über-Ich» (Freud); repräsentiert in den beiden Göttinnen Aphrodite, dem verkörperten Lustprinzip, und der keuschen Artemis, hier weniger Jagdgöttin als Schwester des Licht- und Vernunftgottes Apoll (Henze vertraut sie der androgynen Stimme eines Countertenors an). Es gilt, die beiden Kräfte in der eigenen Existenz zu integrieren und sich von ihren Ansprüchen freizumachen – den unreflektierten Triebwünschen ebenso wie einer sich absolut ...
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Opernwelt Januar 2011
Rubrik: Panorama, Seite 40
von Ingo Dorfmüller
Die Anmutung erinnert an ein Renaissance-Gemälde: die klaren Linien und Proportionen, die Harmonie der Formen und Farben, die Überfülle der Details, der souverän überschauende Blickpunkt. Das fotografische «Porträt» des Auditoriums im Gran Teatre del Liceu wirkt wie eine Komposition, wie das Werk eines Künstlers, der seinen Gegenstand mit den Augen des Architekten...
Berlioz ohne Orchester ist wie Rembrandt ohne Licht. Deshalb muss man zweifellos dankbar sein, dass das Orchester der Deutschen Oper Berlin die Premiere von «Les Troyens» gespielt hat. Es hätte auch streiken können, denn es befindet sich, wie ein Handzettel am Eingang verkündet, «im offenen Tarifkonflikt». (Wir haben das Thema in dieser Zeitschrift schon...
Auf den ersten Blick eine bestechende Idee: Aus den im Orient verschleppten Europäern der Mozart-Oper werden an der Vlaamse Opera Touristen, die irgendwo zwischen Algerien und Jemen Terroristen in die Hände fallen. Was daraus folgen müsste, wäre eine komödiantische Variante des clash of civilizations. Es stellt sich jedoch bald heraus: Die Orient-Klischees des 18....
