Angstmaschine
Da hockt der Gehörnte, grinst, glotzt, grimassiert. In Pelzmütze, halbnackt und starrend vor Schmutz. Als Samiel ist der Schauspieler Peter Moltzen fast immer auf der Szene in Michael Thalheimers Berliner «Freischütz»-Inszenierung. Ist er in diesem Höhlenschlund voll dürrer Zweige die Verkörperung der Instinkte, die uns umtreiben? Ängste, Triebe? Denn jeder ist hier mehr oder weniger im Bann des Dämons. Die einen krampfen dagegen an – ein Kräftezerren aus freiem Willen, der sich behaupten will, und Zwängen, die ihn beugen.
Max duckt sich über sein Gewehr und beißt ins Rohr, Agathe krümmt sich weg wie unter Bauchschmerzwellen. Andere sind Samiel schon verfallen und verhalten sich wie ferngesteuert. Kaspar wiederholt zwanghaft immergleiche Bewegungen. Ännchen trägt zwar ein heiter-osterglockengelbes Kleid, ist aber ein eisiges Geschöpf, das mit monströsen Riesenschritten über die Bühne eckt: Da reißt wohl Samiel an den Fäden seiner Marionette. Die Jungfern treten für ihr Liedchen der Reihe nach an wie Spieluhr-Automaten. Thal-heimer hat für seine Textfassung die Dialoge auf ein Minimum zusammengestrichen. Dass nun musikalisch Nummer auf Nummer knallt, verstärkt den Eindruck einer ...
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Opernwelt März 2015
Rubrik: Panorama, Seite 42
von Wiebke Roloff
Endlose Tonangeln mit einem Puschel am Schluss. Eine Personenrevue ohne durchlaufend-konsistente Handlung. Ein Opernballett-Zwitter vom Schablonenmeister des französischen Hochbarock. Kennt kein Mensch. Und doch brachten es die «Fêtes vénitiennes» des André Campra ab 1710 auf mehr als 300 Aufführungen, wobei das Werk zahllose Umarbeitungen erfuhr. Ein rauschender...
Sucht man nach einer Art Gegenentwurf zu den vor allem in den Neunzigerjahren medial in Szene gesetzten Arena-Veranstaltungen der «Drei Tenöre», so dürfte man einen solchen, subtil ins Hausmusikalische gewendeten Kontrapunkt in der neuen Aufnahme mit Christoph und Julian Prégardien finden. Vater und Sohn gestalten, begleitet von dem stets inspirierten Pianisten...
Vor sechs Jahren sang Philippe Jaroussky auf dem Album «Opium» erstmals französische Lieder der Belle Époque (siehe OW 5/2009). Im Sinne einer Mentalitätsgeschichte der Klänge ließe sich auch rechtfertigen, dass ein Countertenor dieses Repertoire pflegt, gerade jetzt, da Jaroussky zwei neue CDs mit Liedern nach Paul Verlaine aufgenommen hat. Als 1869 durch die...
