Alter Meister

Londons Royal Opera bringt Harrison Birtwistles «The Minotaur» heraus, die ENO erinnert an «Punch and Judy»; dazu ein Gespräch mit dem Komponisten

Opernwelt - Logo

Die Unterwelt des Bewusstseins, ihr rätselhaft Abgründiges und Monströses, hat Harrison Birtwistle schon immer fasziniert. Zumal in den Bühnenwerken findet die Vorliebe des 73-jährigen Doyens der britischen Komponistenszene beredten Ausdruck. Gleich der (vor vier Jahrzehnten in Aldeburgh uraufgeführte) Erstling steckte ein Terrain ab, das auf der Nachtseite der Vernunft liegt: «Punch and Judy».

Ein Einakter, der kühn auf der Grenze zwischen schmerzender Tragik und schriller Komik laviert, mit jener populären Puppenspielfigur im Mittelpunkt, die – halb Kasperle, halb Killer – vor allem in fliegenden Theaterbuden an Britanniens Seepromenaden ihr schaurig unterhaltsames Unwesen treibt. In «The Second Mrs. Kong» (1994) griff Birtwistle einen klassischen Topos der Kino-Folklore auf: das Drama vom Affen-Toren, der sich in eine Menschenfrau verliebt. Die Legende von Orpheus und Eurydike, von Beginn an ein zentrales Motiv der Operngeschichte, zieht sich gar wie ein roter Faden durchs weitläufige Œuvre. «The Mask of Orpheus» (1986) dekonstruierte den antiken Plot, um Bedingungen und Potenzial eines ästhetisch avancierten Musiktheaters auf der Höhe unserer Zeit zu erproben. «Gawain» (1991), ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Juni 2008
Rubrik: Im Focus, Seite 20
von Albrecht Thiemann

Vergriffen
Weitere Beiträge
Lohnende Prüfung

Ernst Kreneks «Johnny spielt auf» und Erwin Schulhoffs «Flammen» in einer Spielzeit: Das Pfalztheater Kaiserslautern traut sich was. Eine Stückewahl, die man im nicht gerade theaterprallen Rheinland-Pfalz eher beim Mainzer Staatstheater vermuten würde. Und das auf teils sehr beacht­lichem Niveau.
Die Grundprobleme, die Schulhoffs einzige Oper von 1929 an jede...

Im Spiegelbild der Eitelkeiten

Auch in seinem neuesten, vierzehnten Werk für das Musiktheater ist Giselher Klebe dem Genre der Litera­tur­oper treu geblieben. Anders als in allen vorausgegangenen Werken fiel die Wahl des jetzt 82-Jährigen, der seit 1957 als Kompositionsprofessor in Detmold lebt, jedoch erstmals auf einen heiteren Stoff, Nikolaj Gogols 1836 uraufgeführte Komödie «Der Revisor»,...

Prozession, multimedial

Am Ende stehen drei Kreuze: In lichtem Lohengrin’schen A-Dur, der in ihrem doppelten Symbolgehalt – sie steht zugleich für Golgatha und die heilige Trinität – wohl christlichsten aller Tonarten, verkündet der Chor am Ende von Walter Braunfels’ Jeanne d’Arc-Oper den Sieg des Glaubens. Die Befreierin Frankreichs ist zwar auf dem Scheiterhaufen verbrannt worden, doch...