Alcinas Wunderreich
Turmhohe Silberhaarperücke, Ballgarderobe, freundliches Lächeln. So stellte man sich Händels Alcina vor, als Joan Sutherland die Rolle mit ihrem Gatten Richard Bonynge am Pult des London Symphony Orchestra auf Schallplatte verewigte. Ein halbes Leben liegt das nun schon zurück, doch noch immer schaut die Alcina der Grand Old Lady des Koloraturgesangs voll gesellschaftsfähig vom Cover der legendären Decca-Aufnahme.
Die Magie der Königin, die auf ihrer Insel die Männer reihenweise um den Finger wickelt (um sie nach Gebrauch per Zauberspruch zu entsorgen), ging lange vor allem vom exotischen Ambiente des Dekors aus. Für die Knalleffekte, etwa die Verwandlung der Lover in wilde Tiere, sorgte die (barocke) Theatermaschinerie. Zwar galt der Bühnentechniker während der fünfziger Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts nicht mehr als die wichtigste Figur der Aufführungen, doch die vom Komponisten so genial in die Musik eingeschriebene Geometrie der Leidenschaften blieb trotzdem ausgespart. Vom Anderen, Unheimlichen, Abgründigen der Hauptfigur, von den mozartisch differenzierten Gefühlskurven Ruggieros und Bradamantes oder Morganas und Orontes wollte man nichts wissen. Das auf Ariosts «Orlando ...
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Das Werk steht als Rätsel vor uns. Es geht im sprichwörtlichen Sinne um eine Glaubensfrage: Was der Gral ist, oder eben nicht, liegt an der Perspektive dessen, der auf den Schrein schaut. Ist diese Perspektive eine gleichsam gottgewollte, gottwollende, gar gottgeweihte, so lässt sich in der Tat enormes kathartisches Potenzial im «Parsifal» behaupten und auch...
