Dunkle Gefühle

Lieder von Schumann, Brahms und Ullmann: Hermann Prey, Matthias Goerne, Christina Landshamer, Efa Hoffmann

Opernwelt - Logo

Schwungvoll über den Titel «Gute Nacht» und die Tempobezeichnung «Mässig, in gehender Bewegung» hingeschrieben, findet sich in einem meiner Schubert-Liederalben die Signatur von Hermann Prey. Der Sänger gab sie mir 1964 anlässlich eines Interviews bei seinem Gastspiel mit der «Winterreise» in Graz. «Mässig, in gehender Bewegung» schien schon damals sein agogisches Programm für den gesamten Zyklus.

Denn seiner Überzeugung nach sollte dieser einem einzigen (eher ruhigen) Grundimpuls folgen – was er konsequent auch in der vorliegenden Einspielung, einer Aufnahme von 1987 aus Schwetzingen, durchhält. Dies führt gelegentlich zu ungewohnt breiten Tempi, etwa in «Erstarrung», wo Prey die Viertel zu ca. 138 nimmt (Christian Gerhaher beispielsweise ist mit etwa 168 deutlich schneller). Wobei Prey auch bei diesem Puls die dem Lied zugrunde liegende drängende Unruhe und Verzweiflung durchaus vermittelt. Begleiter Helmut Deutsch, damals quasi «auf Bewährung» für Prey spielend, trägt dazu bei und absolviert seinen Part insgesamt mit Bravour. Die Stimme des zu jener Zeit 58-jährigen Baritons klingt kernig und farbreich; ein Beckmesser mag ab und an Intonationstrübungen vermerken, auch ein ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt August 2016
Rubrik: Hören, Sehen, Lesen, Seite 22
von Gerhard Persché

Weitere Beiträge
Die Welt als Prosa und Bleiwüste

Am Brunnen vor dem Tore da steht ein Lindenbaum: Ich träumt’ in seinem Schatten so manchen süßen Traum. Bei Prosa spielt der Zeilenumbruch keine Rolle, bei poetisch gestalteter Sprache ist er entscheidend. Haben Sie die vier Verse mit dem Reim erkannt? Ja sicher, aber Sie kannten Wilhelm Müllers Dichtung, nicht wahr?

In CD-Booklets und Programmheften werden...

Renaissance des Leichten

Für die lang geschmähte Operette sind längst wieder bessere Zeiten angebrochen. Es scheint, dass – wie in den 50er-Jahren, als Werner Schmidt-Boelcke und Franz Marszalek auf diesem Gebiet Pionierarbeit leisteten – die Rundfunkanstalten bei der Wiederentdeckung und Neubewertung eine führende Rolle spielen. Drei Produktionen aus Hamburg, Köln und München sind jetzt...

Zur Kenntlichkeit verfremdet?

Angesichts des brandgefährlichen «patriotischen Frühlings», den Europas Rechtsaußen gerade feiern, denken wir an den Dichterfürsten. «Der Patriotismus», so Goethe, «verdirbt die Geschichte.» Verschließt die Augen. Verstopft die Ohren. Und Oscar Wilde formulierte, «patriotism is the virtue of the vicious», Patriotismus sei die Tugend der Bösartigen. Freilich, wenn...