Magisch gegenwärtig
Anno 1899 stand Jules Massenet im Zenit seines Ruhms – und seiner handwerklichen Meisterschaft. Er hatte «Werther» in Wien herausgebracht und war mit «La Navarraise», einem Auftragswerk für London, auf der Verismus-Welle mitgeschwommen. Mit der Vertonung von Alphonse Daudets Roman über die Pariser Edelkurtisane «Sapho» wagte er sich an ein bewusst zeitgenössisches Sujet, um anschließend mit dem Aschenputtel-Märchen einen Kennt-Jeder-Stoff anzugehen.
Massenets Manie, nach jedem Erfolg ein möglichst kontrastierendes Thema zu wählen, wirkt dabei fast wie eine Strategie, sich selbst nicht zu langweilen.
Die Entscheidung, den prince charmant in der «Cendrillon» mit einer Mezzosopranistin zu besetzen, war nicht nur eine Reverenz an die Hosenrollen des Rokoko, sondern wohl auch von dem Bedürfnis beflügelt, jene Sphären erotischer Ekstase zu meiden, für die er verehrt wurde, vornehmlich von in Korsetts eingeschnürten Bürgersgattinnen samt ihren Zimmermädchen. Stattdessen setzte der Komponist auf raffiniert-augenzwinkernde Parodien «alter» Musik von Rameau bis Mozart für die Sphäre des Hofes wie des häuslichen Umfelds Aschenputtels, während er es in den Feen-Szenen darauf anlegte, Gounods ...
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Opernwelt August 2016
Rubrik: Im Focus, Seite 10
von Frederik Hanssen
Bonjour Frankreich! Ein besseres Motto lässt sich für die Musikfestspiele Potsdam Sanssouci kaum denken. 16 Tage und Nächte lang erinnerten zahlreiche Künstler nicht nur an den Geist einer Verständigung, für den repräsentativ der intellektuelle Diskurs von Friedrich II. und Voltaire gestanden hat, sondern machten einem interessierten Publikum noch einmal all das...
Während vor den Bildschirmen draußen am Naschmarkt um Österreichs Fußball bei der EM gezittert wird – was auch die Besucher des «Fidelio» in der Pause mitbekommen können –, halluzinieren wir im Zuschauerraum, der Mann ein paar Plätze weiter sei ein ehemaliger Trainer von Bayern München. Nein, nein, er sieht dem Italiener bloß zum Verwechseln ähnlich. Wäre er’s,...
Das Gedankenspiel hätte ihm gefallen: Nach den Regeln der Quantenmechanik, meinte der Physiker Erwin Schrödinger 1935, könne eine Katze, die man in eine Kammer mit instabilen, sprich: potenziell strahlenden Atomen einschließe, gleichzeitig lebendig und tot sein. Warum? Weil man nicht weiß, wann genau die Kerne zerfallen und ihre radioaktive Energie freisetzen....
