Französischer Esprit

Genf und Lausanne setzen auf unterschätzte komische Opern von Gounod und Donizetti

Opernwelt - Logo

Nach 1840 schlitterte die gute alte ­komische Oper in die Krise. Nicht erst Verdis «Falstaff», auch schon Wagners «Meistersinger» oder Donizettis «Don Pasquale» sind Komödien zweiten Grades. Spontaner Humor scheint nicht mehr zu funktionieren, die Komik verbirgt sich hinter ­einem Schleier von Anspielungen und Brechungen aus historischer Distanz.



Ein herausragendes Beispiel für diese Entwicklung ist Gounods Molière-Bearbeitung aus dem Jahr 1858, die im April in der Genfer «Opéra des Nations» zu sehen war: eine mehr als lohnende Entdeckung! In atemberaubendem Tempo wird die Komödie von 1666 mit den Mitteln des 19. Jahrhunderts gespiegelt. Aber nicht nur mit diesen: Eine wilde Stilmischung aus Lully-, Händel- und Mozart-Anklängen hat Gounod auf virtuose Weise in seine eigene Musiksprache eingebunden – oft verblüffend nahe bei Offenbach. Auch wenn wir zu wissen glauben, Neoklassizismus sei ein Phänomen der Jahre um 1920, hören wir schon hier, wie das Parfüm vergangener Epochen die Wirkung grotesker Situationen steigert.

Laurent Pellys burleske Inszenierung zielte ganz auf den aggressiven Umgang der Figuren miteinander. In Alltagskostümen ließ er dem temporeichen Spiel seines Ensembles ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Juni 2016
Rubrik: Magazin, Seite 84
von Anselm Gerhard

Weitere Beiträge
Wer wagt, gewinnt

Konventionell und langweilig ist es geworden, das Opernleben in Moskau. Daran können weder die wenigen gelungenen Inszenierungen (Georgij Issaakjans «Schlaues Füchslein» im Kindermusiktheater und «La Bohème» in der Neuen Oper), noch hervorragende vokale Leistungen (Nadja Michael als Katherina Ismailowa im Bolschoi Theater) oder Ausgrabungen (Martinus «Ariane» im...

Heimgeholt

Sein oder nicht sein? Das ist an GöteborgsOperan nicht die Frage. Stephen Langridge, seit zwei Jahren künstlerischer Kopf des Musiktheaters, lässt für die schwedische Erstaufführung von Ambroise Thomas’ «Hamlet» verschiedene Varianten des ­Endes spielen. Als Thomas seine Antwort auf Gounods «Roméo et Juliette» 1868 an der Pariser Opéra herausbrachte, ging der...

Editorial

Bald ist es wieder so weit. Das Budapest Festival Orchestra (BFO) hat zur großen Tanz-Party auf den Heldenplatz geladen. Rund 500 Kinder aus allen Teilen Ungarns will Iván Fischer, der das Orchester 1983 gemeinsam mit Zoltán Kocsis gründete, am 3. Juni in der Hauptstadt begrüßen. Die meisten kommen aus armen Familien, aus strukturschwachen Landstrichen, die es...