Janáceks Sommernachtstraum

«Die Ausflüge des Herrn Broucek», neu eingespielt von Jiri Belohlávek

Opernwelt - Logo

Janáceks einzige Komische Oper, «Die Ausflüge des Herrn Broucek» (1908-1917), wurde trotz Janácek-Renaissance nicht auf internationalen Bühnen heimisch. Über die Gründe lässt sich spekulieren.

Vielleicht ist die Satire der ersten Reise, die den Prager Hausbesitzer (also Rentier) und Spießbürger auf den Mond führt, wo sein selbstgefälliger Materialismus von einer idealistisch-verblasenen, eben mondsüchtigen Künstlerakademie mit wachsendem Entsetzen zur Kenntnis genommen wird, einfach zu skurril und zu stark in den ästhetischen Grabenkämpfen der Jahrhundertwende (idealistische Akademiekunst vs. naturalistische Sezes­sion) verwurzelt. Vielleicht ist die zweite Reise, die Broucek als zweiten Falstaff in die Schlacht von Prag (1420) führt, wo er beweist, dass ein Prager Besitzbürger von 1888 die nationalen Befreiungskämpfe des Mittelalters zwar ständig im Munde führt, aber jämmerlich kneift, wenn er selbst zur Waffe greifen soll, historisch zu speziell, als dass ein internationales Publikum sich mit den vielen Namen, Parteien und politischen Diskussionen belasten möchte.
Fakt ist, dass das Libretto wortreich und kleinteilig ist. Der Komponist schrieb es sich selbst mit acht weiteren ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt April 2008
Rubrik: CDs, Seite 56
von Boris Kehrmann

Vergriffen
Weitere Beiträge
London bei Nacht

Seit Anfang des Jahres fixierten in der Londoner Untergrundbahn zwei auffällige Augenpaare eilige Hauptstädter und schlenzende Touristen: zwei Bilder, zwei Mädchen, kaum Frauen schon. Eine ­Lolita, mit lasziv halb geschlossenen ­Augen, vollroten Lippen machte herausfordernd Werbung für die neue «Salome» an der Royal Opera; ein selbstbewusst-traurig den Betrachter...

Statisch und stilisiert

Ferruccio Busonis Hauptwerk «Doktor Faust», eine der wichtigsten Opern aus dem ersten Viertel des 20. Jahrhunderts, wird noch immer selten gespielt. Das liegt nicht zuletzt an den Schwierigkeiten einer sinn­lichen Realisierung der Partitur, die viele Einflüsse von Wagner über Puccini bis Mahler verarbeitet und deren ausgefeilte Kontrapunktik sich mit zahlreichen...

Kreativer Pragmatismus

Zum Finale der jüngsten Premiere regnete es rote Rosen aus dem Schnürboden. Da waren nämlich der König und die Blumenverkäuferin mit dem demokratischen Rückenwind von Volkes Stimme auch ganz offiziell ein Paar geworden. Vorher gab es im Operettenstaat Portowa zunächst das Greisenregime einer herrischen Regentin, eine falsche Revolution und einen...