Hirnkammerflimmern

Die «Tage der zeitgenössischen Musik» in Dresden-Hellerau glänzen mit der Uraufführung von Maria de Alvears «Colourful Penis»

Opernwelt - Logo

Mit ihrer Ansicht über die wahren Antriebsgründe menschlicher Entscheidungen hält Maria de Alvear nicht hinterm Berg: Ist schon der Titel ihrer neuen Kammeroper «Colourful Penis» einigermaßen explizit, wird die Spanierin im Beiheft der Uraufführung bei den Dresdner Tagen für zeitgenössische Musik noch deutlicher: Die Sexualität, schreibt sie, sei der mehr oder weniger bewusste Anknüpfungspunkt zwischen der linearen Gedankenwelt und dem im Jetzt lebenden Körper – sprich: die Schaltstelle, die Empfindungen und Gefühle in Entschlüsse umwandelt.

Und um nichts anderes als solch einen Entschlussaugenblick geht es in Alvears knapp einstündiger «Opernereignisstudie»: Ein Soldat trifft im Wald auf eine Bärin und legt sein Gewehr an. Wird er das Tier erschießen? Eine Sekunden­entscheidung, die Alvear virtuos von der Vertikalen auf die horizontale Zeitachse eines musikdramatischen Handlungsverlaufs spiegelt: All die Ahnungen, Erinnerungen und erotischen Assoziationen, die in Wirklichkeit gleichzeitig auf verschiedenen Bewusstseinsebenen aktiviert werden, fügt sie als Episoden locker aneinander, lässt die wunderlichen Gestalten des Unterbewusstseins mal ganz konkret, mal nur schemenhaft ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Dezember 2008
Rubrik: Magazin, Seite 67
von Jörg Königsdorf

Vergriffen
Weitere Beiträge
Plädoyer für den singenden Menschen

Die Opernhäuser Deutschlands sind mit zunehmenden Heraus­forderungen und Bedrohungen konfrontiert. In einer Zeit knapper Kassen wächst der Legitimationszwang. Der traditionelle Repertoirebetrieb, festangestellte Ensembles und Orchester, machen die Opernlandschaft Deutschlands zu einer aufwändigen Sache. Weltweit gibt es nichts Vergleichbares. Zunehmend wird Oper...

Die Kraft des Gitters

Nach Philadelphia kommt man in der Regel, um sich die historischen Stätten anzusehen. Abschriften der Unabhängigkeitserklärung, die Freiheitsglocke oder die Wirkungsstätten Benjamin Franklins locken jedes Jahr unzählige Besucher an. Weniger bekannt ist, dass es in Philadelphia auch eine veritable Operncompag­nie gibt, die – wie in den USA üblich – einen...

Wonnemond im Wüstenland

Sehen kann man noch nicht viel. Ja, irgendwo dort hinten in der mit Hitze vollgesogenen Luft und flirrendem Staubnebel beginnt die Brücke nach Saadiyat Island. Dort soll in den nächsten Jahren eine Insel des kulturellen Glücks wachsen. Die Brückenpfeiler stehen bereits; dahinter türmen sich Dutzende von Baukränen. Irgendwie schauert man bei diesem Blick von einem...