Stille Suche nach Wahrhaftigkeit
Lorraine Hunt Lieberson war durch und durch Musikerin. Sie hatte Bratsche und Gesang studiert, spielte im Orchester, trat in einem Chor auf – und ergriff ihre Chance, als Peter Sellars 1985 einen Sesto für seine legendäre Inszenierung von Händels «Giulio Cesare» suchte. Im «Opernwelt»-Interview, das wir im Sommer 1997 in Berlin führten (siehe OW 10/97), erinnerte sie sich an die erste Begegnung mit Sellars, der für ihre weitere Karriere prägend werden sollte. Die Intensität der Zusammenarbeit habe sie als ein aufregendes Abenteuer erlebt.
Schon damals zeichnete sie eine seltene Bescheidenheit aus. Lorraine Hunt Lieberson war so gar nicht prätentiös, Medienaufmerksamkeit, Image, Ruhm interessierten sie nicht. Sie wollte Kunst machen, wollte Musik entdecken, wollte mit ihrer Stimme und ihrer Darstellungskraft Dinge ausdrücken, die sie bewegten. Nicht mehr, nicht weniger. Sie sprach leise, ruhig, sehr konzentriert, direkt und klar. Eine elegante, eine schöne Frau auf der Suche nach Wahrhaftigkeit. Eine Frau, die erzählte, wie sie als Twen in Mexiko Gefängniswärter bestochen habe, um für ein paar Tage mit ihrem damaligen Freund, der wegen Drogenbesitzes verhaftet worden war, in ...
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