Balanceakt
In den Festzelten füllen sich die Plastikbecher mit Kaltgetränken, die Luft ist warm, der Himmel blau, die Laune leicht. Das Thema aber ist schwergewichtig: Im Schatten der steilen Sandstein-Silhouette von Dom und Severikirche wird Verdis selten gespielte Kreuzzugs-Oper «I lombardi» gezeigt. Eine goldene Welle schwingt sich elegant über den Fuß der Freitreppe, eine stilisierte Wüstendüne, auf der sich Lombarden und Muselmanen lieben und bekriegen.
Vor jedem Akt wird das Publikum per Durchsage über die Handlung informiert und darf sich ansonsten den ebenso ästhetischen wie symbolstarken Bildern hingeben. Unterschriften in Neonbuchstaben ersetzen schlagworthaft die Übertitelanlage: MORD. HASS. FRIEDEN.
Da das Libretto ohnehin jedem sprunghaft bis abstrus erscheinen muss, der nicht zuvor Tommaso Grossis Epos studiert hat, ist das keine schlechte Idee, und die wesentliche Botschaft vermittelt sich durchaus. Wenn nach der großen Schlachtszene im vierten Akt Christen und Muslime ohne ihre Kreuze und Halbmonde wiederauferstehen, die Bühne mit Fackeln in der Hand in ein aufgeklärtes Licht tauchen und zwei überlebensgroße primitive Holzfiguren Versöhnung signalisieren, versteht jeder, dass ...
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Opernwelt September/Oktober 2012
Rubrik: Panorama, Seite 57
von Wiebke Roloff
Calixto Bieito hat wieder einmal zugelangt und in seiner Inszenierung von Jean-Philippe Rameaus ballet bouffon «Platée» die Hosen heruntergelassen. Bieito erzählt die Geschichte der hässlichen Sumpfnymphe Platée, die zum Spaß mit Jupiter verkuppelt und bei Rameau von einem Tenor dargestellt wird, als die Geschichte eines (von Thomas Walker glänzend gespielten,...
Bayreuth war immer schon politisch, die Bayreuther Festspiele auch. Dass der Dichter erst wieder dichten könne, wenn es keine Politik mehr gebe, diesen Satz hat Wagner seiner politisch-ästhetischen Utopie zwar vorangestellt, ohne sich selbst allerdings daran zu halten. Aus welchen praktischen Zwängen auch immer: Als 1876 die ersten Festspiele eröffnet wurden, waren...
Abschied
Ein Jahr vor ihrem Tod haben wir in ihrem Dresdner Intendantenbüro zusammengesessen. Es ging um die Semperoper, um Christian Thielemann, den sie gerade als Chefdirigent für die Staatskapelle gewonnen hatte, um Gott und die Welt. So war es immer, wenn man mit Ulrike Hessler sprach. Auf Kritik konnte sie auch mal dünnhäutig reagieren, aber sie war nie...
