Verdi: Otello
Auf riesiger, dreiteilig den ganzen Bühnenraum begrenzender Foto-Tapete ist im Augsburger «Otello» ein brausendes Meer gemalt (Bühne und Kostüme: Markus Meyer). So spiegelt die stets gegenwärtige Brandung zeichenhaft die immer aufgewühltere Seele Otellos, dem man Eifersucht beharrlich in die Ohren träufelt. Wie Anthony Pilavachi schon den von Wind und Wetter gepeitschten Chor zur Musik rhythmisiert über die Bretter wogen lässt, zeigt einen ebenso realistisch zupackenden wie theatralischen Zugriff.
Auch der Wechsel von Massenszenen und intimen Begegnungen in einer modernen Wohnlandschaft gelingen dem Regisseur ausgezeichnet, selbst Nebenfiguren wie Rodrigo (Robert Sellier) und Ludovico (Greg Ryerson) offenbaren erstaunliche Bühnenpräsenz. Nur am Ende zerfranst die Aufführung etwas unter einem Meer von mehrfach umdrapierten Grablichtern.
Pilavachi hat mit dem wahrhaft dämonisch singenden Riccardo Lombardi als Jago, dem dunkel timbrierten Jeroen Bik als Otello (dem die Höhe zu schaffen macht, am Ende aber ein überzeugend fahler Ton zur Verfügung steht), und einer immer schöner und erfüllter singenden Magdalena Bränland (Desdemona) ein Solisten-Trio zur Verfügung, das seine ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Noch bis in den Oktober hinein schmückten Brecht-Aphorismen das Foyer des Berliner Admiralspalastes – im königsblauen Layout der Deutschen Bank, die dort Brandauer-Campinos «Dreigroschenoper» sponsorte. Man mag da an Karl Kraus’ Ausspruch denken, dass ein Dichter vor nichts größere Angst haben müsse als davor, dass seine Stücke zu Klassikern erhoben würden. Doch...
«Otello» ist ein gigantisches Decrescendo, der physische und psychische Verfall eines strahlenden Helden. Ein Abgesang in vier Akten. Verdi hat eine soghafte Privattragödie komponiert, die formale Dekonstruktion einer Heldenfassade, die Vera Nemirova in Dresden nun mit dem Aufbau der Fassaden einer Spaßgesellschaft konterkariert.
Am Anfang steht der Sturm. Zum...
Zwei Marschallinen, eine (Elisabeth Whitehouse) an der Rampe singend, die andere (Christiane Libor) lippensynchron in Kostüm und Maske spielend: Solche Doppelungen aus Krankheitsgründen sind nicht mehr ungewöhnlich und doch immer wieder eine Nervenprobe für alle Beteiligten. Wie anders wäre es zu erklären, dass die später theatralisch und musikalisch...
