Kein Liebestod
Verdis «Aida», so scheint es, ist ausgereizt, eine neue Sicht nicht zu erwarten. Auch Yona Kim bedient sich in Osnabrück der Bilder, wie sie sich seit Hans Neuenfels‘ legendärer Frankfurter Inszenierung durchgesetzt haben.
Der Triumphmarsch ist – wie von Verdi intendiert – ein Antitriumphmarsch, der senile König eine Marionette in Paradeuniform, Geheimdienstchef Ramfis der eigentliche Machthaber, der sich die Finger nicht schmutzig macht (das besorgt seine Schlägertruppe), und die anfangs mit weißer Schürze und Staubwedel auftretende Aida die Putzsklavin der mondänen Prinzessin Amneris. Aber Yona Kim gelingt es doch, neue Motivierungen für die eingeschliffenen Bilder zu finden, ja neue Akzente zu setzen, auch wenn sie sich nicht immer zu einer stimmigen Erzählung zusammenfügen.
Étienne Pluss hat ihr dafür eine neutrale Bühne gebaut, die jeden Gedanken an das alte Ägypten von vornherein ausschließt: einen strengen, nach allen Seiten geschlossenen Kasten – Antichambre für die wartenden Funktionäre einer totalitären Diktatur, auswegloses Gefängnis für drei junge Menschen, deren persönliches Glück der Staatsräson zum Opfer fällt. Aida ist von Anfang an gegenwärtig, wird Ohren- und ...
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Opernwelt April 2012
Rubrik: Panorama, Seite 44
von Uwe Schweikert
Kurz vor seinem 75. Geburtstag wagte sich Claudio Abbado zum ersten Mal an Beethovens «Fidelio». Die Aufführung, im Frühjahr 2008 nacheinander in Reggio Emilia, Baden-Baden, Madrid, Ferrara und Modena gezeigt, wurde von den angereisten Kritikern als musikalische Offenbarung empfunden. Zwei Jahre später nahm sich der Dirigent das Werk beim Lucerne Festival noch...
Er habe, lässt Roberto Alagna im Booklet seines Crossover-Albums «Pasión» mitteilen, die darin präsentierten südamerikanischen Lieder «auf keinen Fall in die samtig-goldene Atmosphäre der Opernhäuser versetzen wollen». Vielmehr suchte er «die Schlichtheit und Leidenschaft der Tanzlokale». Das klingt, als wolle der Tenor, der nach eigener Aussage sein erstes Geld...
Musiktheater findet längst nicht mehr nur in Opernhäusern statt, überschreitet das Prinzip «Textvertonung», lässt den Werkbegriff von «Stücken» hinter sich. Es schafft sich eigene Formen, bedient sich aller erdenklichen Materialien. Alles kann Musiktheater werden: ein szenisches Projekt, gespielter Labortest, Performance, Tanztheater, szenische Aktion, visuelle...
