O Tanz, o Rausch, o Wahn!
Das Bild passt zur Musik. Vor dem Spiegel, im Totenhemd, die kahle Sängerin, ein Gespenst: Marie. Hinter ihr Paul, der Witwer, «in höchster Erregung» (Regieanweisung), aber noch höherer Verwirrung, dem Tod ins Auge blickend: Einen Tritonus hinauf springt sein Ruf, vom zweigestrichenen es zum a, aber er gilt der falschen Frau: «Marietta». Die abfallende kleine Sekunde, der Seufzer vom a zum as, illustriert die Verwechslung, evoziert aber auch den Riss zwischen Realität und symbolischer Ordnung.
Und dann knallt, im dreifachen Forte, dieser dissonante, auf einer Quint sitzende, nur eine Sechzehntel anhaltende Akkord in den Saal, der sich aus den Tönen des «Marietta»-Rufes speist: im Bass durch eine Quinte ausgehöhlt wie die Klavierbegleitung in Schuberts «Leiermann» (as-es), in den Mittel- und Oberstimmen die unheilkündende Tritonus-Spannung a-es-a, die sinnbildlich wirkt für diesen Moment, in dem die Tote ins Leben zurückkehrt, um ihren Gatten in einem klagenden, vom Gewissensmotiv beherrschten Gesang in der Todestonart d-Moll an ihre verblichene Liebe zu erinnern.
In solchen Momenten zeigt sich, was ein Dirigent vermag. Und Kirill Petrenko vermag viel. Sehr viel. Er ist der ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt Januar 2020
Rubrik: Im Focus, Seite 12
von Jürgen Otten
«Toujours à l’improviste» – immer aus dem Augenblick heraus: So seien ihm die einzelnen Szenen von «La Damnation de Faust» während einer Konzertreise durchs alte Europa erschienen. «Ich suchte nicht nach Ideen, ich ließ sie zu mir kommen, und sie stellten sich ein, in völlig unerwarteter Reihenfolge.» Erst in einem letzten Arbeitsschritt habe er das Heterogene zu...
Dass der Wagner-Novize Valentin Schwarz 2020 in Bayreuth den «Ring des Nibelungen» inszenieren soll, war ebenso eine Überraschung wie die Nominierung des musikalischen Leiters Pietari Inkinen. Der Finne, geboren 1980, hat den «Ring» immerhin schon dirigiert, 2013 im australischen Melbourne. Eine Vorstellung von Künftigem bietet nun eine CD mit dem gekürzten...
Diese Übersicht bietet eine Auswahl der angekündigten Musiktheater- und Opernpremieren des Monats Januar 2020. Informationen zu Wiederaufnahmen und Repertoirevorstellungen finden Sie auf den Websites der Häuser. Eine Liste mit Kontaktdaten gibt es online unter diesem Link:
www.der-theaterverlag.de/serviceseiten/theaterlinks/
ML = Musikalische Leitung
I =...
