Überflüssig
Vor der Opéra Bastille demonstriert eine dichte Menschenmenge für die Homoehe, es erfordert Geduld und Körpereinsatz, sich überhaupt den Weg ins Theater zu erkämpfen. Da macht die Biederkeit der neuen Pariser Carmen doch recht betroffen: Söldner in beigen Uniformen treffen in einer Lagerhalle auf Tabakarbeiterinnen, deren bunte Trägerhemdchen unterm offenen Kittel auf sinnliches Eruptionspotenzial weisen. Auch bei Carmen selbst ist die Erotik schablonisiert: Sie gibt in blonder Perücke und schwarzem Satinhängerchen den Monroe-Männertraum, allerdings ohne deren Verletzlichkeit.
Micaëla fährt in Baskenmütze Fahrrad, das sie, selbst ist die Frau, eigenhändig repariert. Bei Lillas Pastia gibt’s Disko inklusive Transe vom Dienst – man fragt sich, wer das noch sehen will. Am Ende erwürgt José Carmen kreativ mit einem Hochzeitskleid. Mehr gibt es nicht zu sagen: Die erste Carmen nach zehn Jahren (zuletzt wurde an der Bastille 2002 die Alfredo-Arias-Produktion von 1997 gezeigt) verströmt Belanglosigkeit. Und auch die musikalische Leistung ist durchwachsen: Carmens Sexappeal hat, was ja leicht geschieht, bei Anna Caterina Antonacci viel Gewolltes, auch schleicht sich in der Höhe eine ...
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Opernwelt Februar 2013
Rubrik: Panorama, Seite 44
von Wiebke Roloff
Da hat Andreas Homoki schon Recht: Gespenster auf der Bühne – das geht heutzutage nicht mehr. Es funktioniere ja nicht einmal im Horrorfilm richtig, sagt der Zürcher Opernintendant im Programmheft zu seiner ersten eigenen Inszenierung am neuen Haus. Da es sich um Richard Wagners Fliegenden Holländer handelt, in dem Spuk und Übersinnliches etwas Werkkonstituierendes...
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Das Dortmunder Opernhaus ist eigentlich zu groß für frühbarockes Repertoire. Schon 2011 ließ Jens-Daniel Herzog deshalb für Cavallis L'Eliogabalo nur bis zur 16. Reihe Plätze vergeben. Bei Monteverdis Poppea, die er nun inszeniert hat, geht er in Sachen Intimität noch einen Schritt weiter und bittet das Publikum auf die Bühne. Ganze 270 Plätze sind auf zwei steil...
