Diva oder Diseuse?
Wie sie auf einem Koffer zwischen den Eisenbahnschienen sitzt, sieht sie aus wie ein weiblicher Hobo im Niemandsland des Mittleren Westens. Wenn da nicht die dezent gepflegte Kleidung wäre, die sie doch eher wie eine verirrte Touristin erscheinen lässt. Das Cover-Bild passt gut zur CD von Salome Kammer mit Brecht-Vertonungen der beiden Klassiker Kurt Weill und Hanns Eisler sowie ihres Klavierbegleiters Rudi Spring, besitzt dieser zwischen E und U angesiedelte Repertoirebereich doch selbst etwas Ortloses und verlangt von der Interpretin ein entsprechendes Maß an stilistischer Beweglichkeit.
Die Auswahl der Lieder zerfällt deutlich in zwei Gruppen. Die erste umfasst Ohrwürmer von Kurt Weill aus den ebenso glitzernden wie düsteren Roaring Twenties, darunter den Bilbao-Song und einschlägige Titel aus der «Dreigroschenoper». Die zweite widmet sich den Liedern von Eisler und Weill aus der Zeit der Emigration, in denen der cool-schnodderige Berliner Großstadtslang einem nachdenklichen, oft auch depressiven Tonfall gewichen ist. Damit nähern sie sich wieder mehr der Ausdruckswelt des traditionellen Klavierlieds an. Hier fühlt sich die Sängerin, die ihre vielseitigen Ausdrucksqualitäten ...
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Opernwelt Juni 2013
Rubrik: Hören, Sehen, Lesen, Seite 31
von Max Nyffeler
Vielleicht ist «Tannhäuser» heute die am schwierigsten zu inszenierende Wagner-Oper? Der Sündenfall des Venusbergs ist in Zeiten von Patchwork-Beziehungen und allgegenwärtiger Pornografie ja nur noch schwer plausibel zu machen. So scheint fast zwangsläufig, dass heutige Regisseure die Kategorien von Schuld und Sühne aufzuweichen geneigt sind und für die einst...
Es gibt sie noch in New York, eine Musiktheaterszene jenseits der übermächtigen Met. Auch wenn den kleineren Truppen der Wind im Zuge der Spekulations- und Schuldenkrise scharf ins Gesicht bläst und manchmal der Eindruck entsteht, dass es ums nackte Überleben geht, sorgen sie immer wieder für Überraschungen – mit ungewöhnlichem Repertoire, frischen Stimmen und...
Die in Israel geborene Chen Reiss gehört zu den aufsteigenden Sopranistinnen im lyrischen Fach. Sie bringt alle Qualitäten mit, die man braucht, um ein Darling des Betriebs zu werden: eine silbrige Sopranstimme und das, was man heute als «glamorous looks» bezeichnet. Ihr viertes Recital (im Zeitraum von drei Jahren) ist, wie heute offenbar obligatorisch, ein...
