Kaltes Feuer
Die stärkste Szene spielt vorn an der Rampe. Eine schwarze Schwanenfrau trippelt da auf Spitze. Vor einem goldglänzenden Vorhang. Versucht verzweifelt abzuheben. Spreizt die Flügelarme, windet sich, kreiselt um die eigene Achse. Klack macht es, klack, klack, klack. Immer schneller, immer lauter. Der Atem wird schwer. Bis die Luft ausgeht. Bis der Schwan in sich zusammensackt. Ein Kunstwesen aus Tüll und Tanzschuhen. Kein Ton dringt aus dem Graben, kein Laut aus dem Parkett. Gespenstische Stille.
Lulus langes Sterben, ihr ganzes fiebrig flimmerndes Drama steckt in dieser stummen Szene, die den ersten Akt beschließt. Im Körpertheater der Tänzerin Rosalba Torres Guerrero.
Sogar Barbara Hannigan, die mit rückhaltloser Energie und beispiellosem Einsatz Krzysztof Warlikowskis Brüsseler Inszenierung von Alban Bergs Monstre-Tragödie dominiert, hat sich davongestohlen. Es ist der einzige Moment, in dem die kanadische Sopranistin das Geschehen nicht bestimmt. Sie ist der Star, das Kraftzentrum, die Abendsonne, in deren Feuer alle verglühen. Eine Darstellerin von unglaublicher Präsenz. Aber auch eine Sängerin mit einer platingehärteten Stimme und schneidender Intonation. Mit einem Timbre, das ...
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Opernwelt Februar 2015
Rubrik: Hören, Sehen, Lesen, Seite 26
von Albrecht Thiemann
Viele regieführende Frauen haben der Operninterpretation namentlich in Deutschland seit einem Vierteljahrhundert beträchtlichen Auftrieb verliehen, zuweilen mit durchaus spezifischen Perspektiven eines nicht allzu eng zu definierenden «weiblichen» Blicks. Diesen reklamiert auch Aurelia Eggers für sich und ihre Saarbrücker Inszenierung des «Fliegenden Holländer»....
Auf den ersten Blick scheint das Geschehen das ruppig düstere Vorspiel zu konterkarieren: Auf der Bühne steht ein Karussellpferd, ein kleiner Junge mit Cowboyhut sitzt darauf. Doch die Idylle trügt. Denn die Eltern im domestizierten Western-Look kümmern sich kaum um das Kind, das mit seiner Spielzeugpistole immer wieder auf die Mutter zielt. Ist das der kleine...
Das Plakat – roter Schriftzug auf knallblauem Grund: «gaertnerplatztheater.de» – könnte auch ein riesiges Trostpflaster sein. Es scheint an den dreifach gestapelten Containern zu kleben und lenkt ab noch von manch anderem: vom Riesengerüstgitter, vom Kranballett und von der Grube hinterm Haus. Wer in diesen Wochen an der Baustelle vorbeikommt, dem fällt der...
