Editorial April 2019

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Seit fünf Jahren hatte er nicht mehr vor einem Orchester gestanden, sich in sein Haus am Mondsee im Salzkammergut zurückgezogen. Als er spürte, dass Körper und Geist nicht länger den rigorosen Ansprüchen genügten, die er an sich und andere stellte, trat er aus dem Rampenlicht, das er eigentlich nie gesucht, eher als unvermeidliche Begleiterscheinung des Berufs hingenommen hatte. Stets ging es ihm einzig um die Sache, und das bedeutete: die Suche nach dem, was er die «Wahrheit der Musik» nannte.

Wenn er das Ringen um Wahrheit kompromittiert, die Anstrengung gefährdet wähnte, den Werken auf den Grund zu gehen, verstand er keinen Spaß. Empathie, Emphase, Einfühlung gründeten bei ihm auf Erkenntnis, kritischer Vernunft, der Kärrnerarbeit penibler Exegesen. Er eckte an, scheute keinen Konflikt, wenn er von etwas überzeugt war, und wurde dafür ebenso hochgeschätzt wie gefürchtet.

Mit Michael Gielen, der am 8. März 2019 im Alter von 91 Jahren gestorben ist, verliert die Musikwelt einen Dirigenten, der – von Starwesen und Marktkalkül unbeeindruckt – die Auseinandersetzung mit den Klangwundern eines Bach, Beethoven, Brahms oder Mahler, mit den grundstürzenden Architekturen der Zweiten ...

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Opernwelt April 2019
Rubrik: Editorial, Seite 1
von Jürgen Otten & Albrecht Thiemann

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