Editorial der Ausgabe Juni 2011
Goethe war bekanntlich der Meinung, die Postkutsche fahre eigentlich zu schnell, weil man in ihr die wechselnden Düfte der Baumblüten gar nicht mehr aufnehmen könne. Als ein paar Jahrzehnte später die ersten Züge unterwegs waren, trauten viele Fahrgäste kaum ihren Augen und waren schockiert über die Geschwindigkeit. Heute geht das Schnellerwerden so schnell voran, dass wir es kaum noch wahrnehmen. Denken und Fühlen sind dabei längst abgehängt. Deshalb rissen sich die Leser um Sten Nadolnys «Entdeckung der Langsamkeit».
Und das vor drei Jahrzehnten, als die digitale Revolution gerade erst begonnen hatte. Kann Kunst ein Gegengewicht schaffen? Muss sie das sogar? Oder erledigt sie sich selbst, wenn sie nicht mitzieht? Zwei Personalien sind in diesem Zusammenhang interessant.
«Das Ohr aufwecken, die Augen, das menschliche Denken»: Unter dieses Motto hat Markus Hinterhäuser das Programm der Salzburger Festspiele 2011 gestellt. Der Appell stammt von Luigi Nono, einem Exponenten des langen Atems – und der leisen Töne. Einer, der den Widerstand gegen die Tragödie des korrumpierten Hörens zu seinem Lebensthema machte (nicht nur im «Prometeo», den man Ende Juli in der Kollegienkirche erleben ...
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Opernwelt Juni 2011
Rubrik: Editorial, Seite 1
von Stephan Mösch, Albrecht Thiemann
Darauf, dass Mozarts «Così fan tutte» eine eher bitter als heitere Komödie ist, deutet bereits der ironische Untertitel «La scuola degli amanti» hin. Hinter dem Verwechslungszauber lauert ein grausames Kammerspiel mit eisiger Desillusionierungskonsequenz – das hat sich inzwischen flächendeckend herumgesprochen. Als harmlose Buffa unter Verschweigung von Mozarts...
Es wird wohl das Spielzeit-Motto gewesen sein, das die Leitung des Trierer Theaters dazu bewegte, die deutsche Erstaufführung der Philip Glass-Oper «The Voyage» an Land zu ziehen. «welt.eroberung» lautete das Leitmotiv der zu Ende gehenden Saison an der Mosel, und dazu schien die Glass-Menagerie aus gestrandeten Astronauten, zweifelnden Wissenschaftlern und dem...
Es dürfte hauptsächlich rezeptionsgeschichtliche Gründe haben, dass die 1849 entstandene «Luisa Miller» noch immer zum frühen Verdi geschlagen wird. Denn was die dramatische Stringenz und die Verknappung der musikalischen Mittel angeht, steht diese dritte Schiller-Veroperung Verdis schon fast auf dem Niveau des «Rigoletto» – hier wie dort herrscht...
