Fluch der Geschichte
Wer nur für einen halben Tag nach Madrid reist, bekommt den südeuropäischen Moloch mit seinen sozialen Brennpunkten kaum zu sehen; er kann sich auf einen idyllischen Stadtausschnitt um das Teatro Real beschränken, über die arkadengesäumte Plaza Mayor (hinter der das Gewirr der Altstadtgassen beginnt) und zum einen Steinwurf entfernten Königspalast schlendern (aber wer würfe schon Steine auf dieses Königshaus?).
Von seiner Terrasse blickt man westlich auf unbebaute Landschaft: Der betriebsame Theaterplatz markiert also eher den luxuriösen Rand der spanischen Metropole, täuscht eine urbane Mitte nur vor wie eine Kulisse des «Barbiere di Siviglia» – ein vielsinnig symbolischer Standort.
Die Rossini-Oper bildete im September übrigens den Auftakt der Spielzeit 2013/14 am Teatro Real, der letzten von Gerard Mortier programmatisch voll verantworteten Saison an diesem Haus. Der belgische Opern-Manager agierte als Verkörperung einer mitten ins Zentrum des Europäismus strebenden iberischen Kunstbegeisterung – einer Idee aus den schönen Zeiten der EU-Prosperität und Euro-Euphorie. An mancherlei landesüblichen Traditionen und EU-notorischen Erosionen hatte sich Mortier hier in den vergangenen ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt Dezember 2013
Rubrik: Im Focus, Seite 8
von Hans-Klaus Jungheinrich
Schon seit Längerem zerfließen die Grenzen zwischen traditioneller und historisch informierter Aufführungspraxis von Musik zugunsten eines dritten Weges, der Elemente beider Interpretationsansätze miteinander verbindet. Die Berliner Barock Solisten stehen geradezu beispielhaft für die heute schon fast selbstverständliche Offenheit und Flexibilität, mit der...
Anhaltisches Theater Dessau bleibt», steht auf einem großen Transparent am Portal des monumentalen Hauses, das der «Führer» einst der Stadt geschenkt hat. Oje, denkt man, wenn Berliner Hausbesetzer die Parole ausgegeben, dass irgendetwas «bleibt» – dann steht die Räumung meist unmittelbar vor der Tür. Zum Glück folgt auf dem Dessauer Transparent der Zusatz: «… was...
Stefan Soltesz’ Schatten in Essen ist lang. Sechzehn Jahre führte er das Haus mit straffer Hand in die Oberliga der Opernhäuser, nun rücken seine Erben nach – und Soltesz hat alle geplanten Gastspiele an seinem ehemaligen Haus abgesagt. Dieser Spannungen ungeachtet wagt das neue Leitungsteam mit Hein Mulders als Intendant und dem tschechischen Dirigenten Tomás...
