Kein Wunder
Der Mann ist nicht totzukriegen. Eigentlich sollte nur seine Stimme aus dem Sarg ins Diesseits hinübertönen, aber in Yona Kims «Parsifal»-Inszenierung am Staatstheater Braunschweig ist Titurel quicklebendig. Festen Schrittes folgt er seinem wundgeplagten Sohn. Er verpasst Amfortas sogar eine Ohrfeige, als der sich ziert, das Ritual der Gralsenthüllung zu vollziehen. Schließlich verliert der vitale Greis die Geduld und reißt selbst das Tuch von der Reliquie.
Wenn Amfortas dabei schmerzgekrümmt zu Boden geht, versteht man endgültig, dass es in diesem «Parsifal» nicht um die Macht des Wunders geht, sondern um die Last der Vergangenheit.
Die südkoreanische Regisseurin distanziert sich in Braunschweig entschieden vom Pomp kunstreligiöser Anwandlungen. Entsprechend profan ist auch das Einheitsbühnenbild von David Hohmann: ein aus schwarzen Platten zusammengesetzter Quader. Das Anti-Auratische ist Programm – selbst der Gral entpuppt sich als Miniaturausgabe des schlichten Bühnenraums. So ist es nicht erstaunlich, dass sich am Ende niemand für das Heiligtum interessiert. In Dunkel getaucht, wie vergessen steht der Würfel am Bühnenrand, während das Volk sich zu den rauschhaften Schlusstakten ...
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Opernwelt Dezember 2013
Rubrik: Panorama, Seite 35
von Stefan Arndt
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