«Hören ist wehrlos ohne Denken»
Zwei Erhabenheitsbilder stehen für das angebliche Wesen der Musik: der mythische Sänger Orpheus und die Heilige Cäcilie, entrückt an der Orgel. Rein, veredelnd soll die wahre Tonkunst sein, alles Irdische, Materielle, Animalische transzendieren. Demgegenüber reagierte Schumann auf das Unisono-Finale der b-Moll-Sonate des von ihm bewunderten Chopin ratlos lapidar: «Musik ist das nicht.» Zwischen den Polen orphischer Idealität und deren Negation bewegt sich der Diskurs in je nach Epoche variablen Paradigmen.
Was aber ist das musikalisch Schöne? Ein Credo konventioneller Ästhetik lautet: Schlackenlosigkeit – nichts soll die seraphische Abgeklärtheit des Klangs trüben, die «schöne» Stimme, den «süßen» Ton von Geige oder Flöte, den Glamour-Sound der Superorchester, das HiFi-Ideal. Und der Klassik-Kanon soll die entsprechende Basis für deren Präsentation liefern. Doch schon bei Klavier-Pedal, Orgelstimmung, Streicher-Vibrato und -Portamento gibt es Dissens. Das Ideal war schon immer brüchig.
In einem Punkt allerdings waren sich die beiden prominentesten deutschen Komponisten der Nachkriegszeit, Karlheinz Stockhausen und Hans Werner Henze, bei allen Gegensätzen halbwegs einig: im Vertrauen ...
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Opernwelt November 2015
Rubrik: Im Focus, Seite 22
von Gerhard R. Koch
Riesig ist das Bett, auf dem Violetta liegt, in Laken gewickelt. Mit letzter Kraft schraubt sie sich hoch, als endlich der ersehnte Alfredo das schummrige Zimmer betritt. Nur durch ein winziges Fenster wird es angedeutet. Im Angesicht des Todes beginnt die Protagonistin immer heller und heller zu strahlen, die anderen Anwesenden verschwinden sukzessive als...
Anfangs bringt sie kein Wort heraus. Nur ein paar diffuse Laute behaupten sich gegen die aufgekratzten Trompeten und Holzbläser, gegen den sirrenden Streicher-Sound. Erst in Takt 29 findet Alicia die Sprache wieder. «Du är du. Jag är jag», entgegnet sie dem Nazi-Vater, der sie für seine Sache einspannen will. «Du bist du. Ich bin ich.» Eine Quarte stürzt die Stimme...
Zu Sebastian Baumgartens Bayreuther «Tannhäuser» ist in dieser Zeitschrift das Notwendige gesagt worden (siehe OW 9-10/2011). Über Joep van Lieshouts «Technokrat»-Installation, in der die Figuren zur Biomasse einer auf Bedeutungshuberei gepolten Assoziationsmaschine schrumpfen. Über die prätentiöse, dialektisch verschraubte Antitheater-Attitüde, der alle Emphase...
