Sentimental
Unter den Frauen Gounods ist sie gewiss die blasseste. Weder hat sie das Feuer der Juliette, noch das Fatalistische der Marguerite, und auch die Königin von Saba, Sappho und Baucis werfen mehr Schatten als sie, die zartdünne Erscheinung. Wenig Wunder, dass Mireille bei ihrem Erscheinen in der Welt am 19. März 1864 im Théâtre-Lyrique zu Paris nur wenig Glanz verbreiten konnte. Stolprig war ihr weiterer Lebensweg. Für eine Aufführung im Sommer 1864 im Londoner Her Majesty‘s Theatre (in italienischer Sprache!) fügte man der Oper neue Rezitative und ein Happy End hinzu.
In Paris wurde «Mireille» erst von fünf auf drei Akte gekürzt, dann auf vier erweitert (1874), um schließlich ab 1889 an der Opéra-Comique – mal in dreiaktiger, mal in fünfaktiger Version – zu ungeahnten Höhenflügen anzusetzen, die bis zum Jahre 1972 andauern sollten.
Vermutlich wollte Nicolas Joel an diese vergnüglichen Zeiten anknüpfen, als er «Mireille» für den Beginn seiner Amtszeit als Intendant der Pariser Opéra National auswählte und das Stück gleich selbst inszenierte. Dass er dabei die dramaturgischen Klippen der Oper geflissentlich übersah und sich mit einer sentimental-kitschigen Bebilderung des Vorhandenen ...
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