Fragilität und Fülle

Christof Loy zeigt in Frankfurt einen «Don Giovanni» für Kenner. Christian Gerhaher debütiert in der Titelpartie

Opernwelt - Logo

Bleich sieht er aus, wenn er so in die Leere starrt. Leise tönt seine Stimme. Mehr singt es aus ihm, als dass er die Initiative ergreifen würde. A-Dur ist plötzlich eine fahle, weiße Tonart und «Là ci darem la mano» alles andere als eine Verführungsnummer. Don Giovanni holt seine Gedanken aus weiter Ferne. Mit der kleinen, drallen Zerlina jedenfalls, deren Augen seinen Blick suchen, haben sie nichts zu tun. Und dann gibt er sich einen Ruck, schaut sie an – und lässt sich von ihr verführen.

Denn das ist seit jeher sein Geheimnis gewesen: dass er nicht den dämlichen Sexprotz gegeben hat mit praller Hose und leerem Kopf, sondern dass er den Frauen gezeigt hat, was sie mit ihm machen, dass er sich fallen ließ in ihre ­Blicke, ihre Düfte, ihre abwehrende Bereitschaft. Indem er sie zu Siegerinnen erhob, sicherte er sich den Sieg.

Im zweiten Akt gibt es dann doch ein Liebesduett, und wieder heißt die Tonart A-Dur. Nur dass Don Giovanni dieses A-Dur sofort ins Dominantische und bisweilen auch ins Mediantische überhöht. Jetzt schwelgt und schmachtet er und zeigt seinem Diener, wie das geht. Doch es sind die Töne einer echten, alten Beziehung, die hier klingen. Donna Elvira war Giovannis ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Juli 2014
Rubrik: Im Focus, Seite 12
von Stephan Mösch

Weitere Beiträge
Editorial

So viel Lärm um Glyndebourne war wohl nie. Wie Donnerhall dröhnte es nach der ersten Premiere dieses Jahres über den lieblichen South Downs. Nicht, dass das seit 1934 auf einem Landgut in East Sussex veranstaltete Opernfestival seinen in Frack und Abendrobe anreisenden Habitués mit einem kühnen Programm zur 80. Sommersaison das Champagner-Picknick auf der Wiese...

Nachtstück

 

Es ist nicht so schlimm wie beim «Troubadour». Aber auch Verdis «Simon Boccanegra» erfordert einige Übersicht. Dass Liebe, Intrigen und Missverständnisse in ferner Vergangenheit wurzeln, wird den Figuren zum Verhängnis: Alle schauen wehmütig bis wütend zurück, anstatt sich um die Gestaltung der eigenen und der politischen Zukunft zu kümmern. Ganz besonders heikel...

Mitreissend, stimmig, tiefgründig

Erst spät, mit 35 Jahren, wagte sich Antonio Vivaldi an die Komposition von Opern. Für das Zusammentreffen mit dem verwöhnten Publikum seiner Heimatstadt Venedig ließ er sich noch ein Jahr länger Zeit, zunächst erprobte er sein Glück als Opernkomponist im provinziellen Vicenza. 1714 eroberte er dann mit «Orlando finto pazzo» das venezianische Theater Sant’Angelo.

Ü...