Göttlicher Idiotismus

Osnabrück, Wiegand: Operette

Opernwelt - Logo

«Verantwortungslose Heiterkeit, die in diesem Wirrsal ein Bild unserer realen Verkehrtheiten ahnen lässt», ist nach Karl Kraus das Wesen der Operette. Das gilt auch für Witold Gombrowicz’ 1966 entstandenes Schauspiel «Operette», ein grotesk-surrealistisches Pandämonium über die Achterbahnfahrt des 20. Jahrhunderts zwischen Klassenkampf und Faschismus, zugleich aber auch eine Huldigung an die Gattung, die für den polnischen Schriftsteller mit ihrer göttlichen Idiotie das vollkommene Theater verkörperte.

Und so begegnen wir denn Figuren, wie sie die Operetten Lehárs und Kálmáns bevölkern: adeligen Schürzenjägern, senilen Hofschranzen, aufsässigen Kammerdienern, Grisetten und dem Modeschöpfer Fior, der, egal ob Revolution oder Restauration herrscht, alles dem Diktat der Mode unterwirft. Posen sind aber auch die Duelle der beiden Lebemänner Charme und Firulet, Posen ihre Verführungsversuche Albertinchens, die von der Nacktheit träumt. Unter all diesen Maskenspielen und Maskenbällen der Dekadenz, so Gombrowicz, «blutet mit lächerlichem Schmerz das verzerrte Antlitz der Menschennatur».
Gombrowicz’ Farce von der theatralischen Entblößung unserer Existenz zitiert ständig Gesang und Tanz ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Mai 2009
Rubrik: Panorama, Seite 46
von Uwe Schweikert

Vergriffen
Weitere Beiträge
Spielerische Fülle, suggestive Leere

Wenn Text und Musik einer Opernpartitur die Grundlage aller Überlegungen für eine Inszenierung abgeben, wie Regisseure gern betonen, ohne immer danach zu handeln, dann gilt für die Werke Richard Wagners noch etwas anderes. Das Wesen des Musiktheaters, der Kern, war für ihn das Drama, «das wirklich vor unseren Augen sich bewegende Drama», das, was in Bildern einer...

Ohne Worte

Sprachskepsis ist ein Grundmotiv der Moderne. Spätestens zu Beginn des 20. Jahrhunderts brach sich das Misstrauen in die Zuverlässigkeit des Wortes und der Rede Bahn: In seinem berühmten «Tractatus logico-philosophicus» (1918) versuchte Ludwig Wittgenstein zwar noch, formale Bedingungen für den wahren Gebrauch der Sprache zu definieren, doch der letzte,...

Geschichte als Gegenwart

Bei den großen Sängern der jüngeren Vergangenheit sind zwei Typen zu unterscheiden: die historischen und die zeitlosen. Lisa della Casa, die vor einigen Monaten ihren 90. Geburtstag feierte, gehört zu der zweiten Kategorie. Hört man sich ihre Aufnahmen an, so ist man immer wieder überrascht von der Frische ihrer Stimme und der Gegenwärtigkeit ihrer...