Steh still, Zeit!
Das Hören verändern, erweitern, in neuen und alten Kontexten überraschen – und damit auch im Denken, Fühlen, Sein die Möglichkeit einer anderen Wahrnehmung und eines anderen Lebens aufzeigen – diesem Grundgedanken der Neuen Musik hat sich das Ultraschall Festival 2015 zu Ehren Helmut Lachenmanns verpflichtet, der in diesem Jahr seinen 80. Geburtstag feiert.
Der heute fast schon klassische Anspruch an «Musik als existentielle Erfahrung» zog sich als roter Faden durch den fünftägigen Aufführungsmarathon, der am letzten Abend eines dem Komponisten auch inhaltlich gewidmeten Tags mit dessen Orchesterstück «Schwankungen am Rand» fulminant ins Ziel lief.
Eine der Wegmarken: «Sommertag» von Nikolaus Brass nach einem Theatertext von Jon Fosse, uraufgeführt 2014 auf der Münchener Biennale für neues Musiktheater. Eine Frau erinnert sich, wie vor Jahren ihr Mann auf den Fjord hinausfuhr und nicht wiederkehrte, denkt an ihr eigenes, beklommenes Warten – noch immer. Die Figur zerfällt in eine sich «Jetzt» erinnernde und eine «Damals» erlebende, Mezzosopran und Sopran. Wie eine Heimsuchung entfaltet sich beiden die lang und länger werdende Zeit. Brass formt diese Empfindung aus, macht sie ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt März 2015
Rubrik: Magazin, Seite 79
von Katharina Duda
In amerikanischen Opernhäusern geht es richtig streng zu. Man darf keine Kraftausdrücke benutzen, duldet kein sogenanntes «unangebrachtes Verhalten am Arbeitsplatz», sogar ob man Parfüm trägt, kann man nicht selbst entscheiden. Fluchen, Knutschen, Sprühen? Pustekuchen. Die ersten beiden Punkte regeln sich ganz von selbst, dafür sorgt schon die allgemeine Prüderie....
Wenn Opernkenner sich in den Pausen langer Wagner-Aufführungen unterhielten, kamen sie bisweilen auf Ernest Reyer zu sprechen. Der habe es nämlich gewagt, die Nibelungen-Sage ebenfalls zu vertonen. 1884, acht Jahre nach Wagners «Ring», sei das Werk in Brüssel uraufgeführt worden und in Frankreich bis zum Zweiten Weltkrieg recht erfolgreich gewesen, danach aber nur...
Iphigénie ist von Alpträumen gepeinigt: Die berühmte Gewitterszene am Beginn von Glucks Oper ist nicht zuletzt Allegorie für die Last ihrer blutigen Familiengeschichte. In Lukas Hemlebs Deutung zeigt der Frauenchor, der Iphigénies Auftritt im Wüten der Elemente begleitet, eine irritierende Nähe zu Erinnyen: Alle Choristinnen sind schwarz gewandet, ihre Gesichter...
