Trance und Tod
Wenn man sich durch die jüngere Geschichte von Perm blättert, kommt einem ein Operntitel von Nikolaj Rimsky-Korsakow in den Sinn: «Die Legende von der unsichtbaren Stadt Kitesch».
Denn lange war Europas letzte Millionenstadt vor dem Ural für Ausländer und sowjetische Normalbürger unsichtbar: ihre Position auf den Landkarten gefälscht, die Stadt selbst nur für Einwohner und Mitarbeiter der Rüstungsbetriebe zugänglich, die Gegend von Perm übersät mit Straflagern (im museal erhaltenen Lager «Perm-36» kann man noch die liederlichen Bedingungen für die Häftlinge durch die Jahrzehnte studieren).
In den letzten Jahren jedoch ist dieses «ferne Land», wie die Übersetzung des finnischen Namens «Perm» lautet, der europäischen Kulturszene etwas näher gerückt. Dafür sorgte vor einigen Jahren der Gouverneur Oleg Tschirkunow, der die problematische Vergangenheit der Stadt offensiv anging und daran erinnerte, dass viele politische Häftlinge und Intellektuelle nach ihrer Entlassung aus dem Gulag in Perm blieben und hier ein relativ liberales Geistesklima schufen. Und weil die Perestroika der von lieblosen Autoschneisen und sozialistischen Repräsentationsbauten dominierten Stadt zwar mehr ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt August 2014
Rubrik: Im Focus, Seite 18
von Michael Struck-Schloen
Das Singen war hier strengstens verboten. Sogar zu Weihnachten. Wer es am Heiligabend wagte, leise, nur für sich, in der Zelle die traditionellen Lieder anzustimmen, wurde mit Arrest bestraft. Im Cottbuser Zuchthaus galten besonders harte Haftbedingungen, denn hier sperrten die DDR-Machthaber ihre politischen Gefangenen weg. Um sie zu demütigen – und dann für harte...
Der Komponist Gerhard Stäbler (Jahrgang 1949) gehört zu den Künstlern, die auf Messers Schneide operieren. Die gleichermaßen der angeblich reinen Autonomie des Ästhetischen (zumal der Systemgläubigkeit der Darmstädter Serialismus-Schule, die so monolithisch-dominant freilich gar nicht war) wie der Traditionsgattung Oper misstrauen, aber auch dem postmodernen...
Vorsicht, Festspiele mit Gesundheitsrisiko! «Infektion!» – der Name des kleinen Festivals für Neues Musiktheater, das seit 2011 die Spielzeit der Berliner Staatsoper beschließt, klingt kokett, doch Intendant Jürgen Flimm trifft den Nagel auf den Kopf. Hier sucht er das von Musikchef Daniel Barenboim mit Tradition aufgeladene Provisorium «Schiller Theater»...
