Sog der Angst
Norma hat Angst. Was, wenn ihre verbotene Liebe zu Pollione auffliegt? Aber auch Pollione hat Angst. Die gemeinsamen Kinder sowieso, von Polliones neuer Geliebten Adalgisa ganz zu schweigen. Nadja Loschky zeigt diese Ängste in einer Pantomime zur Ouvertüre, mit klaren Gesten Bellinis Musik folgend, ebenso sensibel wie genau.
Am Ende der Ouvertüre fällt der Vorhang zum ersten Mal (wie dann nach fast jeder einzelnen Szene). Nun scheint es auch die Regie mit der Angst zu tun bekommen. Der Zuschauer kann sich vor Deutungsangeboten kaum retten.
Normas Kinder sind immer wieder auf der Bühne präsent – ein Sorgerechtsdrama in einer Patchwork-Familie von heute? Aber überall auch Vögel, an deren Flug man in der Antike die Zukunft erkennen wollte: als Federschmuck der wie eine Schamanin agierenden Norma, mehr noch aber in zahlreichen Videoprojektionen. In Daniela Kercks elegantem Nachbau einer Hinterbühne ist ein Waschbecken im Stil der Zwischenkriegszeit zu sehen (auf die auch Gabriele Jaeneckes Kostüme zu verweisen scheinen) – profane Travestie ritueller Reinigung?
Schon vor der Ouvertüre fordert eine Stimme aus dem Off ein «Wunder», um nach dem Schlussakkord dieses «Wunder» zu bejahen. ...
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Opernwelt Mai 2016
Rubrik: Panorama, Seite 52
von Anselm Gerhard
Auch in der Ära Konrad Adenauers und Charles de Gaulles, als die deutsch-französische Aussöhnung auf der Tagesordnung ganz oben stand, wurden die künstlerischen Leistungen des Nachbarlandes, jedenfalls soweit es die Gesangskunst betraf, östlich des Rheins kaum wahrgenommen. Das hat sich inzwischen geändert. Auch dank des Institut National de l’Audiovisuel (INA),...
Es ist ein Ort der bleiernen Zeit, den die Ausstatterin Esther Bialas für Yuval Sharons Inszenierung von Peter Eötvos’ «Tri sestri» auf die Bühne der Wiener Staatsoper gebaut hat. Ein Salon, von entkräftetem Kerzenlicht beleuchtet, in dem die Stunden auf Zehenspitzen vorbeischleichen und die Tage wie Kugeln mit mattem Klang eintönig in weite, leere Gefäße fallen....
Das Erste, was mir an ihm auffiel, war sein Blick: dunkel, brennend, forschend. Dann die Art, wie er sprach, sanft, aber mit Nachdruck. Als ich Peter Maxwell Davies Ende der 1960er-Jahre kennenlernte, ahnte ich: Das ist einer, der jedes Wort meint, das er sagt. Einer, der furchtlos ist. Tatsächlich kannte Max keine falsche Scheu. Nicht im Umgang mit den Kritikern,...
