Eiskalte Beziehungen
Seit dieser Spielzeit ist Heribert Germeshausen Intendant der Dortmunder Oper – ein neugieriger Theatermann, der schon in Heidelberg gezeigt hat, wie moderne Oper in Repertoire und Publikumsansprache funktionieren (und überleben) kann. Auch in Dortmund traut er sich was und holt jetzt – als deutsche Erstaufführung – mit Luca Francesconis anspruchsvollem Kammerstück «Quartett» eine zeitgenössische Erfolgsoper auf die Bühne, die seit der Scala-Uraufführung 2011 ihren internationalen Weg nahm und demnächst von Robert Wilson und Daniel Barenboim in Berlin herausgebracht wird.
Natürlich hat es neue Musik immer schwer. Dennoch wird der anwesende Komponist bei der Premiere enttäuscht gewesen sein vom weitgehend abwesenden Publikum: Nur das halbe Parkett des Großen Hauses war am Gründonnerstag besetzt. Man fragt sich, wie (Musik-)Theater als aufklärerische Anstalt noch wirken kann, wenn die, die es betrifft, einfach zu Hause bleiben.
Wobei der geistig-soziale Komplex «Aufklärung» schon im 1982 uraufgeführten Theaterstück von Heiner Müller, auf dem Francesconis Oper beruht, massiv in Frage gestellt wird. In «Quartett» legt Müller des Bourgeois liebstes Kind, die Liebe als Gebieterin des ...
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Opernwelt Juni 2019
Rubrik: Panorama, Seite 38
von Michael Struck-Schloen
Es sei barbarisch, nach Auschwitz noch Gedichte zu schreiben, dozierte einst Theodor W. Adorno. Westdeutsche Intellektuelle haben diesen Satz jahrzehntelang nachgeplappert. Glücklicherweise hielten sich Rose Ausländer, Paul Celan und Nelly Sachs nicht daran. Romanciers und Regisseure sind hingegen meist kläglich gescheitert, wenn sie sich dem Holocaust zuwandten;...
Ende des Monats ist es wieder so weit: Fedora, getragen vom European Circle of Philanthropists of Opera and Ballet, ruft zur Preisverleihung nach Venedig. Eine Opern- und eine Ballettproduktion werden ausgezeichnet und erkleckliche Beträge einstreichen. Der Name Fedora taucht zwar immer mal auf, aber wer und was verbirgt sich eigentlich dahinter? Das Netzwerk...
Die Szene kennen wir, sie zählt zu den entrücktesten des Stücks. «Tannhäuser», dritter Akt, wenige Minuten nach dem Entrée, das Lento. Ein Engel fleht um Aufnahme in den himmlischen Kreis, «mit halber Stimme», in hauchdünnem pianissimo und jenem silbrig schimmernden Ges-Dur, das Richard Wagner mit Bedacht für Elisabeths Gebet wählte, um ihrem Ansinnen den nötigen...
