Das Orchester spricht

Fast eine Oper: Aaron Coplands Musik für den Dokumentarfilm «The City» erzählt von Glanz und Elend der urbanen Zivilisation

Opernwelt - Logo

André Previn brachte es auf den Punkt: «Copland stand in Hollywood vor allem für eines: ‹weniger Noten›». Der vor den Nazis aus Berlin über Paris nach Amerika geflohene jüdische Emigrant wusste, wovon er sprach. Filmmusik war eines von Previns vielen Steckenpferden (der Jazz ein anderes), als Dirigent wie als Komponist hatte er sich immer wieder um die philharmonische Bespielung der Tonspur gekümmert. Und so war ihm nicht entgangen, dass die Bosse der großen Studios eine Vorliebe für die spätromantisch aufgedonnerten Partituren europäischer Zuwanderer hegten.

Erich Wolfgang Korngold oder Max Steiner waren die Stars der Branche, ihre gigantisch instrumentierten Schmachtfetzen galten als unverzichtbare Zutat, wenn auf der Leinwand geliebt, gelitten oder gejubelt wurde. Dann kam Aaron Copland, und der in Brooklyn geborene Spross russischer Einwanderer hatte die Nase gestrichen voll von der hypertrophen Gefühlssoße, die in den Kinos aus den Lautsprechern troff. Einfach sollte die Musik seiner Meinung nach klingen, schnörkellos, amerikanisch. Wie aus dem Leben gegriffen, dem Leben der kleinen Leute, an der Erfahrung des (Arbeits-)Alltags geschliffen.

Mit diesem bodenständigen Credo ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Juli 2010
Rubrik: Im Focus, Seite 27
von Albrecht Thiemann

Vergriffen
Weitere Beiträge
Kontroversen um ­einen Visionär

Im April schloss sich mit «Götterdämmerung» an der Los Angeles Opera der erste «Ring»-Zyklus in der Geschichte der Stadt. Mit vorausschauendem Blick auf drei komplette «Ring»-Aufführungen im Mai und Juni dieses Jahres waren die einzelnen Teile der Tetralogie zwischen Februar 2009 und April 2010 einstudiert. Natürlich ist ein solches Unterfangen stets das Werk...

Gleichgewicht des Verrats

Der Irrweg eines gefeierten, dann vergessenen oder verschollenen, schließlich neu ausgegrabenen Künstlers oder Werkes kann faszinierend sein. Es muss jedoch in der ästhetischen Subs­tanz der Stücke ein Mehrwert zugrunde liegen, der die Menschen in ferner Vergangenheit hinriss und nun den Nerv erneut trifft. Ob das bei Simon Mayr (1763-1845) auf Dauer der Fall sein...

Theaterlebensnah

Hans Knappertsbusch und München – das war ein langes, teils verworrenes und nicht immer unproblematisches Verhältnis. 1922 übernahm er, als Nachfolger Bruno Walters, die musikalische Leitung der Bayerischen Staatsoper, die er – politisch bedingt – 1937 wieder aufgeben musste. Nach dem Krieg kehrte er 1945 für kurze Zeit in sein altes Amt zurück, bevor man ihm eine...