Produktive Überforderung
Brünnhilde will nicht. «Heil, dir, Sonne!» drei, vier, fünf Meter über dem Boden? «Da kann ich nicht frei singen», sagt Judith Németh. Das Schwanken, der Schwindel, das Herzrasen. Schon der Blick auf die Gondel, in der die Walküre im dritten «Siegfried»-Akt aus der Tiefe auffahren soll, dem Liebeslicht entgegen, bis das wallende Brautkleid die Bühne füllt, macht die Sopranistin nervös. Ganz steif fühle sie sich in diesem Korb. Die Jungs von der Technik geben ihr Bestes, um ihre Flugangst zu zerstreuen. Kein Problem, alles stabil.
Man könne es fürs Erste ja mal mit ein paar Zentimetern versuchen, schlägt Achim Freyer vor. Schließlich steigt sie doch ein. Klavierhauptprobe im Nationaltheater Mannheim. Am Ende kriegt der scheinbar alterslose, ewigfrische Bühnenmagier, der hier, aus dem Stand (nachdem Christof Nel kurz vor zwölf den Regieauftrag zurückgegeben hatte), seinen zweiten «Ring» stemmt, genau das grandiose Bild, das ihm für den ins schier Unendliche gedehnten Augenblick vorschwebte, da Brünnhilde aus Wotans Feuerzauberschlaf erwacht.
Über zwei Jahre hat der Filmemacher Rudij Bergmann die Arbeit am Mannheimer «Ring» beobachtet. Hat mit Solisten und Statisten gesprochen. Sich ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt September/Oktober 2015
Rubrik: Hören, Sehen, Lesen, Seite 46
von Albrecht Thiemann
Herr Kobéra, wofür stand ursprünglich das «neu» im Titel? Für die Musik? Oder die Szene?
Zunächst für Letzteres. Ausgangspunkt war 1990 eine Aufführung von Mozarts «Idomeneo» als Kontrapunkt zur damals laufenden Johannes-Schaaf-Inszenierung der Staatsoper. «Neu» meinte neue, aktuelle Herangehensweisen ans Musiktheater; im «Idomeneo» ging es um «Atomkraft – ja oder...
Elke Heidenreich und ihr Partner, der Komponist Marc-Aurel Floros – sie leiden. Leiden an der zeitgenössischen Musik, an ihrer Unfähigkeit, das Herz zu erreichen. «Die Avantgarde ist geboren aus dem Entsetzen und den Katastrophen des 20. Jahrhunderts», schreibt Floros. «Diese kann sie auch hervorragend ausdrücken. Aber damit sind ihre Möglichkeiten weitgehend...
I.
Ist er es? Sitzt er da wirklich wieder vor dem Weihenstephan? Dem Hotel nicht weit vom Bahnhof, in dem er, so erzählt man in Bayreuth, jedes Jahr zur Festspielzeit absteigt? Ja, er ist es wirklich. Ein wenig missmutig blinzelt René Kollo (77) in die Sonne. Diese Hitze! Den Rotwein hat er fast geleert, die Zigarre ist fast aufgeraucht. Nur noch eine Stunde bis...
