Aus dem Glutkern der Songs
Ich besuche Kirill Serebrennikov Anfang August 2017 in Kronstadt. Im ehemaligen Kulturhaus der Baltischen Flotte dreht der Regisseur Sequenzen seines neuen Films.
Weniger ihm als seiner engsten Mitarbeiterin steht der Stress der vergangenen Monate ins Gesicht geschrieben, auch die Stinkefinger-Brosche an ihrem Kleid kann darüber nicht hinwegtäuschen: Als der Regisseur eine propagandistische Zusammenarbeit mit dem System ablehnte, hatte man zunächst versucht, sein Theater, das heute schon legendäre Gogol-Zentrum, finanziell auszutrocknen, was an der Treue des Publikums und am Engagement von Mäzenen scheiterte. Daraufhin legte man ihm – ebenso erfolglos – nahe, von der Theaterleitung zurückzutreten. Im Mai war mit einer Serie von Hausdurchsuchungen die nächste Eskalationsstufe erreicht, im Rahmen sogenannter Ermittlungen, die die Geschäftsführung des von Serebrennikov vollumfänglich und höchst erfolgreich realisierten Platforma-Projekts zur Popularisierung zeitgenössischer Kunst ins Visier nahmen. Es war klar, dass man den Sack schlägt, um sich zum Esel vorzuarbeiten.
Wenige Tage nachdem ich mich von Kirill verabschiedet habe, belastet ihn eine Buchhalterin, die entsprechend unter ...
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Opernwelt November 2018
Rubrik: Magazin, Seite 76
von Sergio Morabito
Dirigententreffen
Die Schweiz im «Così»-Fieber: Gleich drei Häuser bringen Mozarts spätes Dramma giocoso heraus. In Zürich ist eine auf Konzepten von Kirill Serebrennikov basierende Inszenierung zu sehen, die Cornelius Meister dirigieren wird, in Lausanne wagen sich Regisseur Jean Liermier und GMD Kevin John Edusei an das heikle Werk, in Bern Maximilian von...
Langsam schreitet eine weiß gepuderte und perückte Adelsgeselllschaft zum Te Deum in die von Christian Schmidt naturalistisch nachgebaute römische Kirche Sant’ Andrea della Valle. Ein greiser Kardinal führt die Riege stocksteifer katholischer Würdenträger an. Scarpia singt sich währenddessen in einen solchen sexuellen Rausch, dass er sein Umfeld überhaupt nicht...
Man schreibt das Jahr 2004, da suchte das Theater Heidelberg einen Generalmusikdirektor. Ein Hannoveraner überzeugte beinahe alle – nur das Orchester hielt ihn mit 24 Jahren für zu jung. Widerwillig billigte es dem Aspiranten eine Probe-Aufführung zu, «Tannhäuser». Er kannte das Stück als Korrepetitor, dirigiert hatte er es nicht. Und so betrat er am 3. Juni,...
