Frankfurt: Böse Soap

Gluck: Ezio (Frankfurt / Opernhaus)

Opernwelt - Logo

Das Bild vom Kreator der «Reformoper» war lange musikgeschichtlich so verfestigt, dass der «andere» Gluck ganz in Vergessenheit geriet. Dass mit dem (1750 in Prag uraufgeführten) «Ezio» nun ein früheres Gluck-Stück wiederentdeckt wurde, liegt wohl ebenso an der gewachsenen Geltung der Barockoper wie an der postmodern erweiterten Bewertung des Komponisten. Und die Neugier auf diesen typisch vom Zeitstil des frühen 18. Jahrhunderts bestimmten Gluck ist nur zu berechtigt. Auch mit dem vielfach vertonten Libretto von Pietro Metastasio steht er präsentabel da.

Vier Männer und zwei Frauen werden so ausführlich (dreieinviertel Stunden) gegeneinander ins Feld geführt, bis alle erdenklichen Konstellationen und Spannungsmomente aus­geschöpft erscheinen. Dabei wird säuberlich das Tabu beachtet, dass der Herrscherfigur kein Haar gekrümmt werden darf. Zu Tode geht hier keiner – obwohl es sozusagen alle bei allen (außer, sie wären unglücklich Liebende) darauf anlegen.

Die alchemistische Kunst, funkelnd bösartige Soap Operas zu konzipieren, beherrschte man also lange vor Hollywood. Und mit seinen virtuos auf (künstlichen) Gefühlsklaviaturen spielenden höfischen Scharaden ist Metastasio wohl auch ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Januar 2014
Rubrik: Panorama, Seite 36
von Hans-Klaus Jungheinrich

Weitere Beiträge
Liebesfreuden

Nicht nur durch ihre Liebeskünste wusste Madame Pompadour Louis XV. zu fesseln, sie sorgte sich auch um seine geistige Erbauung. Deshalb gab sie bei Jean-Philippe Rameau eine Opéra-ballet in Auftrag, die 1748 in ihrem Privattheaterchen zur Aufführung gelangte, mit ihr selbst in der Rolle der Venus. Neun Jahre später arbeitete Rameau, mittlerweile ein alter Mann,...

Die Zeit, die ist ein kostbar Ding

Herr Protschka, warum brauchen wir einen Gesangswettbewerb ohne Altersbeschränkungen?

Ein Wettbewerb wie ArtOpera ist wichtig, weil Sängerbiografien nicht so geradlinig verlaufen wie die von Instrumentalisten. Wir Sänger fangen relativ spät an – Ausnahmen wie Anja Silja bestätigen die Regel. Meist geht es erst nach der Pubertät oder nach dem Stimmbruch richtig los....

Genf: Wohldosiertes Heldentum

Ein Selbstläufer sei gerade dieser erste Akt, heißt es. Nicht nur wegen Wagners detaillierten Libretto-Anweisungen, sondern auch, weil die Musik extrem gestisch ist. Unerhört, minutiös aufgedröselt – und dabei so ungemein gefährlich. Das alles kann zum Mickey Mousing verführen. Es sei denn, da hört einer genau hin. Und bringt das Ganze auf die Bühne mit dem...