Reise ins Unbewusste
Die Gefühle stauen sich nachttief in diesem Kabinett manischer Depressionen. Mag die Musik noch so hellsichtig von geheimem Begehren erzählen, mag sie das entfremdende Spiel um Liebe, Geld und gesellschaftliche Anerkennung noch so klar aufdecken, für den tragischen Helden, der sich hier am Klavier, im Fauteuil oder auf dem Ball das wahre Leben herbeisehnt, kommt jede Hilfe zu spät. Er kann noch so viele Noten schreiben, sich noch so rückhaltlos mit seinen Bühnengeschöpfen identifizieren – er bleibt auf sich selbst zurückgeworfen.
Allein mit den schweren grünen Vorhängen, dem dunklen Holz und den Bücherwänden im weitläufigen Salon. Allein mit den über dem Kamin zum Ölporträt erstarrten Frauen, an die er sich vergebens zu binden suchte, um das Verbotene zu ersticken. Allein mit der Verzweiflung, der Scham, dem inneren Druck der homoerotischen Energien, die ihn treiben, drängen, beseelen.
Im Muziektheater am Waterlooplein ist das Spiel bereits in vollem Gang, bevor es eigentlich begonnen hat: Ein Herr in korrekt geschlossenem grauen Tuch betrachtet schüchtern, stumm einen Kerl, der mit blanker Brust im Sessel döst. Schlohweiß das Haar, der Bart, um Fassung ringend, mit fliehender ...
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Opernwelt August 2016
Rubrik: Im Focus, Seite 12
von Albrecht Thiemann
Angesichts des brandgefährlichen «patriotischen Frühlings», den Europas Rechtsaußen gerade feiern, denken wir an den Dichterfürsten. «Der Patriotismus», so Goethe, «verdirbt die Geschichte.» Verschließt die Augen. Verstopft die Ohren. Und Oscar Wilde formulierte, «patriotism is the virtue of the vicious», Patriotismus sei die Tugend der Bösartigen. Freilich, wenn...
Dass «Arabella», die letzte Kooperation von Richard Strauss mit Hugo von Hofmannsthal, meistens als süß verkitschte Wiener Fortsetzung des «Rosenkavalier» triumphiert, war in Leipzig wenigstens optisch kaum zu erkennen. Statt eine behagliche Wiener Wohnkultur um 1860 zu zeigen, wie sie die nobel im Stadthotel hausende Familie Waldner bevorzugt, hatte...
2012 verabschiedete sich Cornelius Meister vom Theater Heidelberg, das ihm 2005 den ersten GMD-Posten beschert hatte. Zwar leitet er seit 2010 mit Festvertrag das ORF Radio-Symphonieorchester Wien. Doch opernmäßig ist er auf Tour. Überall hat man den 36-Jährigen schon eingeladen – natürlich an die Wiener Häuser, aber auch nach München, Zürich, Covent Garden, an die...
