Die unerträgliche Geschmeidigkeit des Seins
Shibuya Crossing, an einem milden Februar-Abend. Wenn die Fußgängerampeln Grün zeigen, ist von den strahlendweißen Zebrastreifen, die Tokios berühmteste Straßenkreuzung zieren, nichts mehr zu sehen. Aus allen Richtungen ergießen sich gigantische Menschenwellen auf den Asphalt. Sie strömen an den Rändern des von trendigen Shopping Malls, von Wolkenkratzern und Hochbahntrassen umstellten Quadrats, wogen kreuz und quer, schwappen in der Mitte zusammen und sind im Nu wieder verlaufen. Kaum hat der motorisierte Verkehr freie Fahrt, staut sich auf den Gehwegen der nächste Körper-Tsunami.
Organisiertes Chaos im Zwei-Minutenrhythmus. Was da pausenlos aufgeführt wird, ist ein streng getaktetes Live-Spektakel, eine Art spontanes Mitmach-Theater für alle, das sich immer wieder neu formiert. Und ein geschmeidiges Massenschauspiel, über das Besucher aus Europa nur staunen können.
Selbst in höchster Verdichtung gehen die Seitenwechsel ohne Rempler und Geschiebe ab. Als sei jede Bewegung von einem inneren Kompass gesteuert, der Kollisionen ausschließt. Gerade im hochfrequentierten öffentlichen Raum ist, so scheint es, die Sphäre des Einzelnen unantastbar. Umsicht, Rücksicht, Weitsicht – das ...
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Opernwelt April 2019
Rubrik: Reportage, Seite 48
von Albrecht Thiemann
Der russische Komponist Alexander Wustin, geboren 1943, hat sich den Ruf eines ernsthaften, tiefgründigen Avantgardisten erworben. Sein intensives Erleben der Zeitgeschichte als Raum für das aktuelle Musikschaffen lässt ihn in gewisser Weise zu einem Erben Anton Weberns werden. Vladimir Jurowski, seit 2011 Leiter der Jewgenij-Swetlanow-Symphoniker, ernannte Wustin...
Die Verwirrung der Gefühle hat der regieführende Intendant Stefano Mazzonis di Pralafera zu überwiegend zentralperspektivischen Symmetrien geordnet. Das sieht, in Jean-Guy Lecats quaderhaften Bildern, von Franco Marri differenziert ausgeleuchtet, nicht einmal übel aus, verleitet seine Figuren aber zu entsprechend gestischen Stereotypen. Arme ausbreiten, rechts,...
Eine klaustrophobische Atmosphäre liegt über dem engen Hinterhof mit seinen verwaschenen Mauern und verwitterten Fensterläden. Regisseur Urs Häberli verlegt die Handlung von Janáčeks «Jenůfa» in ein beengtes Kleinstadtmilieu. Die Bewohner leben Tür an Tür; nichts von dem, was auf dem Hof vor sich geht, bleibt verborgen, stets ist ein Beobachter präsent, schier...
