Unterkühlte Ekstase
Am Ende zieht Roger seine Lackschuhe aus und begrüßt an der Rampe emphatisch die aufgehende Sonne. Aber er bleibt nicht, wie im Libretto vorgesehen, mit seinem arabischen Ratgeber Edrisi allein. Zwar ist die den Verlockungen des göttlichen Hirten erliegende Menge abgezogen, doch seine Frau Roxana, der Erzbischof, die Diakonissin und ein kleiner Junge bleiben zurück und schreiten, abgewandt, langsam auf die hintere Wand zu.
Johannes Erath, der Karol Szymanowskis magisch gleißendes Stück jetzt in Frankfurt inszeniert hat, lässt bewusst offen, wie wir diesen Schluss verstehen sollen – als nietzscheanisches Bekenntnis zu sich selbst oder als trügerischen Aufbruch, der in der Agonie gipfelt.
Mit dem namengebenden sizilischen König hat Roger nichts zu tun. Er dient Szymanowski nur als Folie für ein intellektuelles Gedankendrama, das den uralten Konflikt zwischen Geist und Materie, Vernunft und Trieb, Ordnung und Lustprinzip in aller Radikalität symbolisch freilegt. Ein geheimnisvoller Hirte, Verkünder eines gefährlichen, die Liebe und die Schönheit feiernden unbekannten Gottes, stürzt den Staat in Unruhe und gewinnt Anhänger. Roger will ihm den Prozess machen, scheitert und wird selbst ...
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Opernwelt Juli 2019
Rubrik: Panorama, Seite 40
von Uwe Schweikert
Eine bunte, mondäne Badegesellschaft bespaßt sich an einem Swimmingpool, während etwas abseits mit zerquältem Gesichtsausdruck eine Männergestalt herumstapft, die in ihrem braunen Cordsamtanzug nicht im Geringsten zu dem kapriziösen Freibadambiente passen will, offensichtlich aber gern bei der Party dabei wäre. In tosender Verzweiflung glaubt sich dieser...
«Le vieil hiver a fait place au printemps;/ La nature s’est rajeunie»! Die Strecke von Lewes nach Glyndebourne – ein lockerer Vier-Meilen-Marsch – ist ohne Weiteres zu Fuß zu schaffen. Auf den Kreidekämmen der South Downs hat der Frühling nicht minder mächtig zugeschlagen als auf den ungarischen Feldern in Berlioz’ «Damnation de Faust». Sogar einen Hirten gibt es....
Gebratzte Posaunentöne fallen über die Trompeten her. Straucheln, weichen zurück, formieren sich neu. Ein Tenor ruft zum Gegenangriff: Stählerne Fanfaren schießen aus neun Trichtern, am Himmel kreisen Elektroklänge, zwischen den Fronten die Hörer. Vor, hinter und neben ihnen rennen und stolpern behelmte Instrumentalisten vorüber, Stühle erzittern unter...
