Blühende Fantasie
«Götterdämmerung» als Demonstration der Vererbungslehre? Wenn Hagen nach Siegfrieds Tod in einer brutal ausgespielten Szene seine Halbschwester Gutrune vergewaltigt, kann man diese Tat ganz aus den Genen begründen: Hatte sein Vater Alberich bei der Zeugung des Sohnes nicht einst Grimhild, der Herrschersgattin im Hause Gibichungen und Mutter von Gunther und Gutrune, ebenfalls sexuellen Zwang angetan? Man ist erstaunt, auf welche Ideen Anthony Pilavachi bei der Umsetzung des monumentalen Stoffes kommt, freilich immer gegründet auf genauester Werkkenntnis.
Und auf einer wahrhaft blühenden Fantasie. Warum nicht, so hat er sich offenbar gefragt, die Brünnhilde des ersten Akts als züchtige Hausfrau darstellen im Kreis ihrer neun teilweise mit Flügelhelmchen ausstaffierten Kinder? Nichts Heroisches hat sie an sich, wenn sie in eitel-dümmlicher Selbstbezogenheit der Walkürenschwester Waltraute die Rückgabe von Siegfrieds Liebespfand, dem Ring, an die Rheintöchter verweigert. Auch könnte die tiefe Erniedrigung, die sie im zweiten Akt erfährt, nicht besser vorbereitet sein: wenn sie dann als geschändete Frau am Hof der Gibichungen vorgeführt wird, mit wirrem Haar, ungeordneter Kleidung und ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Wenn die Dinge, das Denken und das Fühlen nur noch unterwegs sind, wenn sie keinen Halt mehr kennen, der die Bewegung unterbrechen, ihr Maß, Rhythmus und Sinn verleiht, wächst die Sehnsucht nach dem, was Ernst Bloch mit dem Wort «Heimat» meinte – die Utopie des mit sich und der Welt versöhnten Menschen. Je reißender, unüberschaubarer der Strom des beschleunigten...
Wäre es nach Napoleon gegangen, ein Bayer hätte sofort die Pariser Oper übernehmen können. 1799 hörte der begeisterte Feldherr in der Mailänder Scala «La Lodoïska», doch Simon Mayr lehnte dankend ab. Das Stück war lange ebenso vergessen wie die gerade wiederentdeckte «Medea in Corinto». Es wurde 1796 in Venedig uraufgeführt und verlangt dringend nach szenischer...
Deutschen Opernfreunden sagt der Name Lotfi Mansouri möglicherweise wenig. Zwar begann er seine Laufbahn als Regisseur im deutschsprachigen Raum und hat in den sechziger und siebziger Jahren auch in Dortmund, Freiburg, Heidelberg, Kassel und Nürnberg inszeniert, doch zu Macht und Ansehen gelangte er erst in Amerika, zunächst als Generaldirektor der Canadian Opera...
