Die Last der Lust
Man kann auf eine sehr heutige Art gestrig sein. William Kentridge stopft in Amsterdam die gute alte «Lulu» mit vielem voll, was aktuelle Videotechnik hergibt. Er schickt Bergs Luft- und Liebesgymnastikerin durch vagierende Räume aus Bewegung und Licht. Mal überziehen Zeitungsschnipsel die breite Bühne, mal Spruchbänder mit Zitaten und Kommentaren. Mal spritzt schwarze Tinte hintersinnige Formen, mal lugen holzschnitthaft breitflächige Köpfe aus dem Gewusel.
Im wahrsten Sinn des Wortes greifbar wird der Bilderreigen allerdings auch: Lulus Porträt erscheint nur in kleine Zettelchen zerfetzt, die an ihrem Kostüm kleben: Busen, Hintern und mehr. Eine Kopfmaske hat sie auch, die ist aus Pappe und wandert als Schlüsselrequisit durch den Abend. Für Kentridge kommt Kunst von Collage, sie hat mit körperhaftem Erleben zu tun, mit Mixturen, die sich als Ereignisräume verstehen. Zur «Lulu» passt das insofern, als das Stück, das – als Oper – eine lange Inkubationszeit hatte, die Roaring Twenties spiegelt. Es ist szenisch aus dem Geist von Dada denkbar. Schwitters kann mitspielen. Auch der protokollierende Zynismus von George Grosz und die verfremdende Ausdruckswut von Georges Braque. Das ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt Juli 2015
Rubrik: Im Focus, Seite 8
von Stephan Mösch
Eine Goldküsten-Residenz, gebaut im tadellosen Schick nicht mehr ganz aktuellen Zeitgeschmacks. Ein Schlafgemach in Crème neben dem kühlen Speisesaal. Ein holzvertäfelter Flur, ein marmoriertes Büro, alles standesgemäß dimensioniert – die schönsten Interieurs sind eben doch in Zürich zu sehen. Ben Baurs Bühne schiebt sich hin und her, der Bildausschnitt wandert von...
Dokumente englischer Gesangskunst stehen im Fokus des britischen Labels Heritage Records – nicht nur Wiederveröffentlichungen bekannten Materials wie die frühen HMV-Aufnahmen von Peter Pears und Benjamin Britten, sondern auch Interpreten, die neu zu entdecken sich lohnt.
Die in Schottland geborene Isobel Baillie (1895-1983) war im Bereich Konzertsektor für einige...
Er war stets genau so alt wie sein Jahrhundert. Man konnte das symbolisch sehen: Ernst Krenek (1900-1991) gehörte zu den zeitbewusstesten Musikern und Intellektuellen, zugleich zu den vielseitigsten Künstlern seiner Epoche. Mit dem spröde-erratischen Musikdrama «Karl V.» suchte er, in expressiv aufgeladener Quasi-Zwölftontechnik, aus konservativ-idealkatholischer...
