Ruhig gestellt
Ein wenig muss man an die dekadente, mit Schmuck behängte Klytämnestra des Librettos denken, wenn man den Saal der Staatsoper Prag mit seiner Orgie goldüberzogener, spiegelglänzender Balkons betritt. In dem 1888 eröffneten Haus war die Dresdner Uraufführungsproduktion von 1909 schon ein Jahr später zu Gast, und nur ein Zerwürfnis des Intendanten Alfredo Neumann mit dem Komponisten verhinderte, dass hier auch die tschechische Erstaufführung stattfinden konnte. Der Blick von der Fin-de-Siècle-Pracht auf die Bühne indes weckt dann eher gemischte Gefühle.
Zu sehen ist ein Museum, in dem eine Antikenausstellung zum Thema Agamemnon läuft: Besucher drängen sich um die berühmte goldene Totenmaske, um das Beil, mit dem er erschlagen worden sein soll, um die Kleider Klytämnestras. Auf Bildschirmen flimmert ein Film, in dem sich die fünf Mägde das Maul über Elektra zerreißen. Traut Regisseur Keith Warner der Originalgeschichte so wenig Kraft zu, dass er sie als Artefakt einer toten Vergangenheit einsargt?
Ganz so schlimm kommt es nicht: In Warners (als Koproduktion mit der San Francisco Opera und dem Staatstheater Karlsruhe konzipierten) Inszenierung ist Elektra zwar ein Mädchen, das sich im ...
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Opernwelt August 2016
Rubrik: Panorama, Seite 47
von Carsten Niemann
Man muss sie mögen, die Oper unter freiem Himmel. Tut man das aber, findet man sich ab mit wenig bequemen Sitzgelegenheiten, unfreundlichen Temperaturen und plaudernden Nachbarn. Auch mit dem blechernen Klang des Orchesters, das sich über eine verhältnismäßig bescheidene Verstärkeranlage bemerkbar macht, und dem ebenfalls verstärkten Darsteller, der rechts singt,...
Wer oder was ist der Narr im «Wozzeck»? In Georg Büchners fragmentarisch hinterlassenen Szenen heißt er Karl und taucht öfter auf als in der Oper von Alban Berg. Die Oper braucht ihn im Grunde nur an einer, freilich zentralen Stelle des zweiten Akts: Ein Wirtshaus entstellt die Menschen zur Kenntlichkeit. Soldaten grölen von lustiger Jägerei, die Seelen stinken...
Anno 1899 stand Jules Massenet im Zenit seines Ruhms – und seiner handwerklichen Meisterschaft. Er hatte «Werther» in Wien herausgebracht und war mit «La Navarraise», einem Auftragswerk für London, auf der Verismus-Welle mitgeschwommen. Mit der Vertonung von Alphonse Daudets Roman über die Pariser Edelkurtisane «Sapho» wagte er sich an ein bewusst zeitgenössisches...
