Recht und Gerechtigkeit
«Selbst wenn der Mund sich schließt, bleibt die Frage offen», schrieb Stanislaw Jerzy Lec.
Welche Frage? Etwa jene, die Pontius Pilatus bei Johannes (18,38) stellt: «Was ist Wahrheit?» Joseph Ratzinger, Papa Emeritus, spitzte sie im zweiten Band seiner Untersuchungen über Jesus von Nazareth zu: «Kann Politik Wahrheit als Kategorie für ihre Struktur annehmen? Oder muss sie Wahrheit als das Unzugängliche der Subjektivität überlassen und stattdessen sehen, wie sie mit den verfügbaren Instrumenten der Ordnung von Macht zu Rande kommt, um Frieden und Gerechtigkeit zu stiften?» Aber wenn Wahrheit nicht zählte? Welche Gerechtigkeit wäre dann möglich? Müsste es nicht gemeinsame Maßstäbe geben, die der Willkür wechselnder Meinungen und der Machtkonzentrationen entzogen wären und Gerechtigkeit für alle garantierten?
Grundlegende Fragen, die auch die Oper zu Lyon unter ihrem rührigen Chef Serge Dorny stellt, und zwar in ihrem im Festival «Justice/Injustice». Kein Zufall, dass dieses in der Karwoche begann. Wobei das französische Motto im Deutschen mit «Recht» und «Unrecht» nur unzureichend übersetzt ist, denn «Justice» bedeutet eben nicht bloß Recht, sondern vor allem Gerechtigkeit. Doch ...
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Opernwelt Mai 2013
Rubrik: Im Focus, Seite 22
von Gerhard Persché
Sehnsucht nach den Sechzigerjahren. Als das Schlammtheater noch eine Botschaft war, als das Publikum mitmachen durfte und sich hinter jedem Experiment ein Tabu verbarg..: Herrlich war das! Verständlich daher, dass man Henri Pousseurs «variable Oper» mit dem Titel «Votre Faust» rund fünfzig Jahre nach ihrer Entstehung noch einmal aufführt. Es ist eine der wenigen...
Sie hätte weggehen können. Nach Europa oder nach Südamerika. Wohin auch immer. Raus aus dem lebensgefährlichen Chaos, in das der Bürgerkrieg die Stadt und das Land gestürzt hatte. Damals, als in Beirut die Straßenkämpfe begannen. Als Scharfschützen von Dächern und aus Hochhäusern auf alles schossen, was sich bewegte. In wechselnden Koalitionen, bis niemand mehr...
In seiner Mannheimer «Götterdämmerung» schickt Achim Freyer Siegfried und Brünnhilde auf eine wilde theatrale Zeitreise, bei der Zukunft und Vergangenheit, Archaik des Mythos und Realität des Heute einander in Szene und Optik durchdringen. Wie stets agiert Freyer als Regisseur, Bühnen- und Kostümbildner sowie Lichtgestalter in Personalunion, und das gibt dem...
